There are friendly nations, but no friendly intelligence services? - Hintergrundgespräch mit Eva Jobs zu Geheimdienstbeziehungen

“Report concerning lack of security...Apathy and disaffection among many of the agents...This state of affairs should definitely be considered a security menace”. Das schrieb ein US-Geheimdienstler im Jahr 1947 nicht etwa über die Sowjetunion, sondern über die Zusammenarbeit mit den westdeutschen Verbündeten. Nein, das Verhältnis zwischen bundesrepublikanischen und US-amerikanischen Geheimdiensten war nie so störungsfrei, wie es uns offizielle Berichte glauben machen, und das nicht erst seit den Snowden-Enthüllungen.

Teilnehmer*innen (© BAS)

Über das Entstehen dieses Verhältnisses nach dem 2. Weltkrieg und die Situation heute diskutierte die Berliner Arbeitsgruppe für Sicherheitspolitik im Rahmen der Reihe ‘Dienste in der Demokratie’ am 11. April 2017 mit Eva Jobs. Im Restaurant im Deutschen Theater entspannte sich unter dem Titel “Zwischen Vertrauen und Kontrolle – Eine kurze Geschichte der transatlantischen nachrichtendienstlichen Beziehungen” eine intensive Debatte über die Rolle von Geheimdiensten damals und heute.

 

Als Input für unser Gespräch stellte Eva zu Beginn ihre Forschungserkenntnisse zur Geschichte der transatlantischen nachrichtendienstlichen Verhältnisse vor, die sie im Rahmen ihrer Dissertation an der Philipps-Universität Marburg untersucht. Dafür ist sie regelmäßig auf beiden Seiten des Atlantiks unterwegs, etwa als Visiting Scholar an der University of North Carolina in Chapel Hill, sie erhielt Stipendien unter anderem vom Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C. und dem AICGS/DAAD, arbeitete für die BND-Historikerkommission und war zuletzt Ko-Kuratorin der Sonderausstellung “Achtung, Spione!” am Militärhistorischen Museum in Dresden. So begann die Kooperation des US-Militärgeheimdienstes CIC und später der CIA mit deutschen Diensten schon kurz nach Kriegsende. Ex-Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen hatte vor Kriegsende die Akten der Abteilung “Fremde Heere Ost” vervielfältigt und konnte den Amerikanern so einen Datenberg zur Verfügung stellen, den diese dringend benötigten, da sie zu Beginn des Kalten Krieges über äußerst unzureichende Informationen über die Staaten des Ostblocks verfügten. Die 1946 gegründete ‘Organisation Gehlen’, aus der 1956 der Bundesnachrichtendienst hervorging, arbeitete daher schon bald eng mit den US-Diensten zusammen.

 

Durch die Notwendigkeit eines Dienstes, der nicht nur wertvolles Material liefern konnte sondern auch die Westbindung der jungen Bundesrepublik stärken sollte, blieb diese Kooperation trotz einiger Hindernisse bestehen. Wie Eva zeigte galt etwa Gehlen schon bald als undurchschaubar, und da da seine Organisation komplett auf ihn zugeschnitten war kontrollierte er welche Informationen die Amerikaner tatsächlich zu Gesicht bekamen. Ein weiteres Problem war, dass die Organisation Gehlen schon bald von zahlreichen Spionen der Sowjetunion und der DDR unterwandert war, was die Gefahr von Desinformation und der Enttarnung westlicher Agenten mit sich brachte. Und dass viele Mitarbeiter des deutschen Dienstes Nazivergangenheit hatten war der US-Seite wohl bewusst, als Gehlen aber selbst hochrangige ehemalige SS-Mitglieder rekrutierte fürchteten die Amerikaner nicht zuletzt, dass der Osten dies für Propagandazwecke nutzen könnte. Dabei stellte Eva heraus dass es hier eine besondere nachrichtendienstliche Kultur gab, die sich aus NS-Kontinuität und “Männerfreundschaft” speiste. Neue Mitarbeiter wurden durch Netzwerke rekrutiert, die sich in Wehrmacht und diversen NS-Organisationen entwickelt hatten, und die hier vorherrschenden Ideale des Männerbunds wurden auch in Organisation Gehlen und BND fortgeführt: Während man Frauen noch stärker als in der Gesamtgesellschaft auf eine häusliche Rolle reduzierte wurde die Männerfreundschaft durch Herrenabende, Jagdausflüge oder Bordellbesuche zelebriert und gefestigt.

 

Anschließend zog Eva zur Einleitung der Diskussion Parallelen zum heutigen Verhältnis der Dienste. Sie hob dabei die Notwendigkeit von besserer parlamentarischer Kontrolle und qualifizierterer Fach- und Dienstaufsicht der deutschen Dienste hervor - hier hätte etwa die US-Legislative mehr Kontrollmöglichkeiten - betonte aber, dass Rufe nach mehr Transparenz wenig sinnvoll seien, da Dienste ohne Geheimhaltung ihren Aufgaben nicht nachgehen könnten. Ebenso kritisierte sie die ihrer Ansicht nach falsche Dichotomie von Freiheit und Sicherheit - die komplette Abschaffung von Diensten sei ebenso falsch wie die anlasslose Massenüberwachung.

 

Anschließend diskutierte sie mit den Teilnehmer*innen über verschiedenste Aspekte des Themas Nachrichtendienste, etwa die Cyberkompetenzen von BND und Bundeswehr, das Verhältnis von Donald Trump zur US-Geheimdienstcommunity und das Datensammeln durch private Unternehmen wie Facebook. Die BAS dankt Eva für das hochinteressante Gespräch und allen Teilnehmer*innen für die intensive Diskussion.