Bericht: Wasser im bewaffneten Konflikt

“Der dritte Weltkrieg wird um Wasser geführt werden.” Reißerische Thesen zur Rolle von Wasser im bewaffnete Konflikten sind nicht neu - schon in den 80er-Jahren wurde vorausgesagt, Kriege würden in Zukunft um Wasser geführt, und sowohl im Israel-Palästina-Konflikt als auch beim syrischen Bürgerkrieg wird immer wieder unterstellt, Wasser sei der Grund oder zumindest Auslöser für die Feindseligkeiten. Gleichzeitig hat der sogenannte Islamische Staat (IS) gezeigt, dass Wasser in den Händen skrupelloser Akteure tatsächlich als Waffe genutzt werden kann. Wo fängt der Mythos an, und wo spielt Wasser tatsächlich eine Rolle im Konflikten? Darüber diskutierten 40 Mitglieder und Gäste der Berliner Arbeitsgruppe für Sicherheitspolitik (BAS) am 14. November 2018 mit Tobias von Lossow in Berlin.

Teilnehmer*innen (© BAS)

Teilnehmer*innen (© BAS)

Teilnehmer*innen (© BAS)

Interessiert man sich für die Rolle von Wasser im Konflikten, kommt man an Tobias von Lossow kaum vorbei. Er ist Research Fellow beim Netherlands Institute of International Relations Clingendael, zuvor war er bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in der Forschungsgruppe Mittlerer Osten und Afrika tätig. Zu seinen Spezialgebieten zählen Wasserkonflikte und Wasserpolitik in grenzüberschreitenden Flusseinzugsgebieten wie Euphrat und Tigris, Nil oder Kongo. Seine jüngsten Arbeiten konzentrieren sich auf die Rolle von Wasser in Konflikt- und Postkonfliktsituationen im Irak und in Syrien, insbesondere die Nutzung von Wasser als Waffe durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) und eine Perspektive der zukünftigen Wasserpolitik im Irak. Seit 2012 ist Tobias von Lossow Dozent an der Freien Universität Berlin (FU). Gleich zu Beginn seines Vortrages machte Tobias dabei klar: Konflikte um Wasser finden statt, vor allem im trockenen Regionen. Während Streit um die Verteilung von Wasser gerade in innerstaatlichen Konflikten dabei durchaus in Gewalt münden kann, ist aber gerade bei zwischenstaatlichen Beziehungen zu beobachten, dass selbst in angespannten Situationen oft noch Kooperation zur Aufrechterhaltung der Wasserversorgung stattfindet, etwa zwischen Indien und Pakistan. Alleiniger Grund für Konflikte ist Wasser laut Tobias jedoch selten: Die These der “Wasserkriege” lässt sich also nicht aufrechterhalten.

Auf einem weniger dramatischen Niveau spielt Wasser aber doch eine bedeutende Rolle im Konflikten, so Tobias weiter. Da Menschen auch während eines Konfliktes Durst haben, wird selbst während bewaffneter Konflikte oft eine Grundversorgung an Wasser aufrechterhalten, auch wenn diese selten an die Qualität der Versorgung im Friedenszeiten heranreicht. Teils übernehmen Konfliktparteien die Bereitstellung von Wasser dann selbst, teils lassen sie es zu, dass humanitäre Nothilfeorganisationen wie Rotes Kreuz/Roter Halbmond, Médécins Sans Frontières oder die UN dabei helfen, die Wasserversorgung zu sichern. Doch kann Wasser auch als Waffe eingesetzt werden, sowohl offensiv als auch defensiv, was vor allem im trockenen Regionen effektiv sein kann. Dabei unterschied Tobias drei Einsatzmöglichkeiten: Das Zurückhalten von Wasser, etwa durch Umleitung oder Stauung, das genaue Gegenteil, das Ablassen, das zu Flutungen führen kann, und die Verminderung der Wasserqualität, etwa durch die Abschaltung von Filteranlagen oder das Einleiten von Industrieabfällen. Richtig eingesetzt können so Gebiete kontrolliert werden, ohne diese zu besetzen.

 

Aus historischer Sicht ist der Einsatz von Wasser als Waffe dabei keine Neuheit, wie Tobias ausführte. Schon 539 v. Chr. wurde die Eroberung Babylons mit einer Austrocknung der umliegenden Flüsse eingeleitet. Im Jahr 1914 flutete Belgien die Yser-Ebene, um so den Vormarsch deutscher Truppen zu verlangsamen - mit Erfolg, auch wenn die Folgen, wie die Versalzung des bodens, noch jahrzehntelang spürbar waren. Der chinesische Versuch, 1938 den Gelben Fluss zu Fluten um die japanische Invasoren aufzuhalten, war dagegen von weniger Erfolg gekrönt, und führte zu geschätzt bis zu einer Million Todesopfern unter den Anliegern des Flusses. Auch die berühmte Operation Chastise, im der britische Flieger 1943 Dämme im Ruhrgebiet bombardierten, um die deutsche Waffenproduktion zu unterbrechen, verfehlte dieses Ziel wohl. In den letzten Jahren wurde die Nutzung von Wasser als Waffe hauptsächlich mit dem IS in Verbindung gebracht. Die Eroberung von Dämmen an Euphrat und Tigris war ein zentraler Teil von dessen Expansionspolitik, und insgesamt wurde Wasser wurde vom IS so weitreichend wie kaum zuvor als Waffe genutzt. Sowohl politische als auch militärische Erwägungen spielten dabei eine Rolle. Als Grundpfeiler des zu gründenden Kalifats wurde das Wasser genutzt, um sich die Loyalität der besetzten Gebiete zu sichern, gleichzeitig schnitt der IS durch das Ablassen von Wasser aus dem Damm von Fallujah irakischen Truppen den Weg ab und verhinderte die Teilnahme an den in diesem Zeitpunkt stattfindenden Wahlen, um diesen so die Legitimation zu nehmen. Insgesamt wurden hierbei 100 Quadratkilometer Land geflutet.

 

Als Fazit hielt Tobias fest: Wasser als Waffe ist kein neues Phänomen, doch hat der IS die Nutzung von Wasser im Konflikt auf eine neue Stufe gehoben, da er Wasser häufig als Waffe nutzte und zu einem wichtigen Teil seiner Propaganda machte. Besonders wichtig ist zu beachten, dass Wasser einen Dual-Use-Charakter hat und von Konfliktparteien als Dienstleistung an die Bevölkerung angeboten und gleichzeitig als völkerrechtswidrige Waffe genutzt werden kann. Insgesamt wird dem Thema in der Forschung oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, gerade, weil die Datenlage oftmals dünn ist - auch wenn sich dies durch soziale Medien zuletzt etwas verbessert hat. 

Die BAS dankt Tobias für einen spannenden Abend und allen Gäste für die angeregte Diskussion.