Vom 15. bis 26. Juni begleiteten ich als Observerin die Übung in Niedersachsen. Ihr Zentrum lag in der Clausewitz-Kaserne in Nienburg, doch der Übungsraum reichte weit darüber hinaus: nach Hannover, Verden, Bremen, in Gemeinden, Betriebe, zivile Einrichtungen und auf Verkehrswege. CIMIC steht für Civil-Military Cooperation, also zivil-militärische Zusammenarbeit. Gemeint ist die Verbindung zwischen Streitkräften und zivilen Akteuren, wie Verwaltungen, Behörden, Hilfsorganisationen, Unternehmen, Polizei, Feuerwehr, Kliniken oder Energieversorger. Im Alltag ist diese Fähigkeit kaum sichtbar. Im Krisenfall kann sie entscheidend werden. Denn militärische Planung endet nicht dort, wo ziviles Leben beginnt. Gerade dort wird sie kompliziert.
Die Lage war fiktiv, aber nah an realen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Geübt wurde ein Szenario mit zunehmenden Spannungen an der NATO-Ostflanke, rund um den Suwalki-Korridor zwischen Polen und Litauen. In der Übung gab es Drohnensichtungen, Hinweise aus der Bevölkerung, auffälliges Verhalten ziviler Personen, Störungen und Unsicherheit. In der zweiten Woche rückte Deutschland stärker in den Mittelpunkt: als Drehscheibe für alliierte Kräfte auf dem Weg nach Osten. Niedersachsen wurde zur Transitregion. Draußen im Übungsraum waren Tactical CIMIC Teams unterwegs, kurz TCT. Meist gab es vormittags und nachmittags einen sogenannten Inject, also eine vorbereitete Lageeinspielung, auf die reagiert werden musste. Ein Gespräch mit einer Kommune. Eine zivile Beschwerde. Ein Hinweis auf eine mögliche Gefahr. Eine neue Information. Die Teams trafen zivile Ansprechpartner, stellten Fragen, hörten zu und ordneten ein. Dabei wurde schnell deutlich: CIMIC ist nicht einfach Öffentlichkeitsarbeit. Es ist auch nicht nur Vermittlung. CIMIC bedeutet, zivile Informationen so aufzunehmen, dass militärische Führung daraus handeln kann. Welche Straße ist nutzbar? Welche Verwaltung ist überlastet? Wo entstehen Engpässe? Welche Infrastruktur ist kritisch? Welche Erwartungen haben zivile Stellen an das Militär und welche davon kann das Militär überhaupt erfüllen? Was vor Ort gesagt wurde, blieb nicht vor Ort. Relevante Informationen wurden in der Übung über eine Battle-Management-Software an die Brigade übermittelt und dort weiter ausgewertet. So entsteht ein Lagebild: nicht perfekt, nicht vollständig, nicht auf einmal, sondern Stück für Stück. Aus einem Gespräch wird eine Meldung. Aus einer Meldung wird ein Puzzleteil. Aus vielen Puzzleteilen entsteht eine Grundlage für Entscheidungen. Besonders sichtbar wurde das in einem ROC-Drill auf einer riesigen Karte, etwa fünf mal fünf Meter groß. Darauf lagen Flüchtlingsrouten des Gastgeberlandes, eigene wichtige Räume, mögliche Gefahren, Bewegungen, Engstellen und Risiken. Dort zeigte sich, was CIMIC leisten soll: die zivile Lage so in die militärische Planung bringen, dass ein Kommandeur entscheiden kann. Das klingt technisch. Ist es aber nicht nur. Hinter jeder Linie auf einer Karte kann eine Straße liegen, auf der Menschen unterwegs sind. Hinter jedem Symbol kann eine Kommune stehen, die nicht mehr weiterweiß. Hinter jeder Meldung kann ein Gespräch stehen, in dem jemand Druck macht, weil er Verantwortung trägt. Ein solcher Moment entstand in einem Gespräch mit einem Bürgermeister. Er spielte nicht irgendeine Rolle, sondern brachte seine tatsächliche Erfahrung als Bürgermeister ein. Seine Stadt war im Szenario mit viel Militär konfrontiert: viel Verkehr, viele Menschen, Unruhe in einem Umfeld, das sonst vom ruhigeren Landleben geprägt ist. Die Bürgerinnen und Bürger waren verunsichert, genervt, überfordert. Der Bürgermeister wollte Antworten. Er wollte Entlastung. Er wollte etwas durchsetzen für seine Leute. Auf der anderen Seite saß das CIMIC-Team. Es musste zuhören, verstehen, aufnehmen. Aber es durfte keine Versprechen machen, die es nicht halten konnte. Dazwischen saß ein Übersetzer. Das machte das Gespräch schwieriger. Emotionen wandern durch eine zweite Stimme. Sorge, Druck, Ärger und all das kommt an, aber gedämpft. Der Bürgermeister hatte spürbar das Gefühl, dass nicht vollständig wahrgenommen wurde, wie groß seine Belastung war.
In diesem Moment wurde CIMIC greifbar. Nicht als einfache Lösung, sondern als schwierige Schnittstelle. CIMIC kann nicht alles entscheiden. Es ersetzt keine Politik, keine Verwaltung, keine militärische Führung. Aber es kann sichtbar machen, was sonst untergeht. Es kann Informationen dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Es kann erklären, übersetzen, einordnen. Und es kann Vertrauen aufbauen, wenn dafür Zeit ist. Am Samstag, dem 20. Juni, wurde diese Erkenntnis auf andere Weise sichtbar. Beim Distinguished Visitors Day, einem Besuchertag für hochrangige Gäste, wurde erstmals ein Convoy Support Center von Rheinmetall abgerufen und vorgeführt. Auch Niedersachsens Ministerpräsident war dabei. Ein Convoy Support Center ist im Grunde eine mobile Raststätte für militärische Kolonnen. Dort kann getankt, repariert und versorgt werden. Was im zivilen Alltag nach Logistik klingt, wird im Bündnisfall zur Voraussetzung militärischer Handlungsfähigkeit. Wenn alliierte Truppen durch Deutschland nach Osten verlegt werden, geht es nicht nur um Fahrzeuge, Uniformen und Befehle. Es geht auch um Kraftstoff, Werkstätten, Hallen, Speditionen, Verkehrswege, Energieversorgung, Kliniken, Verwaltungen und Unternehmen. Kurz: um ein Land, das funktionieren muss, während Militär sich bewegt. Doch CIMIC Quadriga bestand nicht nur aus Fahrzeugen, Karten und Lageeinspielungen. Besonders eindrücklich waren auch die Gespräche jenseits des eigentlichen Übungsbetriebs.
Uns war ein Stabsfeldwebel zur Seite gestellt. Er kümmerte sich um Organisation, Abläufe und Einordnung. Doch er tat weit mehr als das. Er beantwortete Fragen, erklärte Zusammenhänge, diskutierte, widersprach und hörte zu. Es ging um die Übung, aber auch um die Bundeswehr darüber hinaus. Um Einsätze in Afghanistan und Mali, über konkrete Erfahrungen aus diesen Einsätzen und darüber, was solche Erlebnisse mit Menschen machen. Es ergab sich eher beiläufig im Gespräch, oft nüchtern und immer offen für Nachfragen. Gerade diese Offenheit war bemerkenswert. Niemand musste persönliche Erfahrungen teilen oder auf Fragen antworten, die über den eigentlichen Übungsbetrieb hinausgingen. Trotzdem wurde vieles erklärt, auch dort, wo es unbequem wurde. Die Übung zeigte Verfahren. Diese Gespräche zeigten Menschen. Vielleicht braucht es beides, um CIMIC wirklich zu verstehen. Denn zivil-militärische Zusammenarbeit ist keine rein technische Fähigkeit. Sie besteht nicht nur aus Meldungen, Karten und Software. Sie besteht aus Beziehungen, Vertrauen und Gesprächen, die gelingen müssen, obwohl die Lage angespannt ist.
Am Ende bleiben mehrere Bilder: der Dingo vor dem Neubau von Enercity in Hannover; ein Bürgermeister, der für seine Stadt Ruhe verlangt; eine große Karte, auf der Flüchtlingsrouten und militärische Räume nebeneinanderliegen; ein Stabsfeldwebel, der von Einsätzen erzählt, weil Verständnis nicht aus Broschüren entsteht. Und dazwischen bleibt die Erkenntnis, dass Verteidigung nicht erst an der Grenze beginnt. Sie beginnt auch in Rathäusern, bei Energieversorgern, auf Verkehrswegen, in Gewerbehallen, in Lagezentren und in Gesprächen. Dort, wo ziviles Leben und militärische Notwendigkeit aufeinandertreffen. CIMIC ist vielleicht nicht die lauteste Fähigkeit der Bundeswehr. Aber sie kann entscheidend sein. Sollte es zur Landes- und Bündnisverteidigung kommen, wird nicht alles perfekt sein. Nicht jede Information wird vollständig sein. Nicht jede Zuständigkeit wird klar sein. Nicht jede Erwartung wird erfüllbar sein. Dann muss jemand zuhören, einordnen und weitergeben, was sonst verloren geht. Dann heißt es: Leben in der Lage.
