Einblicke in die CIMIC Quadriga 2026

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Militär und Zivilbevölkerung im Spannungs- oder Verteidigungsfall? Bei der multinationalen Übung CIMIC Quadriga 2026 begleitete ein studentischer Beobachter des BSH Soldatinnen und Soldaten aus 28 Nationen. Der Erfahrungsbericht zeigt, wie zivile Lagebilder entstehen, welche Rolle CIMIC-Teams an der NATO-Ostflanke spielen und warum gesellschaftliche Resilienz für die Bündnisverteidigung entscheidend ist.

Vom 14. bis 26.6. fand dieses Jahr in Nienburg (Weser) die CIMIC Quadriga 2026 statt. Statt wie bisher eine alleinstehende Übung (Joint Cooperation), war die CIMIC Übung der Bundeswehr dieses Jahr Teil der Quadriga Übungsreihe der NATO. Insgesamt nahmen Soldaten und zivile Partner aus 28 Nationen teil. CIMIC steht für Civil Military Cooperation, auf Deutsch Zivil-militärische Zusammenarbeit (ZMZ). Als einer von zwei studentischen Observern des BSH hatte ich die Möglichkeit die Übung zu begleiten.

 

Das Szenario der Übung war ein fiktiver Artikel 4-Vorfall im Bereich der Suwałki-Lücke, der kurzen Grenze von Polen und Litauen: Feindliche Truppen sammeln sich an den Grenzen zu Polen und Litauen und hybride Angriffe werden von Tag zu Tag intensiver. Der Plan des Feindes ist bekannt: von beiden Seiten angreifen und die Landverbindung zwischen dem Baltikum und der restlichen NATO schließen. Doch noch hat der Feind dafür nicht die erforderliche Truppenstärke gesammelt. Polen und Litauen haben daher die Unterstützung der NATO angefordert, welche nicht nur mehrere Brigaden und eine Division zur Abschreckung und potenziellen Bündnisverteidigung bereitgestellt hat, sondern auch mit besonderen CIMIC Teams die zivile Verteidigung in der Region gewährleistet.

 

Dazu ist an jede Brigade/die Division auf Führungsebene eine sogenannte CIMIC Unit angeschlossen. Diese besteht aus einer Zentrale und 3 Tactical CIMIC Teams (TCTs). Diese TCTs sind dabei das Herzstück der CIMIC Arbeit und fungieren als direkter Draht zur Zivilbevölkerung. Das heißt, dass die TCTs physisch zu zivilen Akteuren fahren, um dort jegliche Vorfälle, die in Zusammenhang mit der feindlichen Bedrohung stehen könnten, zu erfassen oder bei Bedarf Informationen von zivilen Akteuren zu beschaffen. 

 

Diese Vorfälle, denen wir als Beobachter live beiwohnen konnten, wurden in der Übung mit echten zivilen Akteuren geübt. Dabei war eine ganze Bandbreite an Vorfällen möglich: Sichtungen unbekannter Drohnen, Gespräche über Flüchtlingsrouten sowie KRITS, unkooperative lokale Behörden, die dem Militär die Arbeit erschweren etc. All diese Informationen sammeln die TCTs in Gesprächen vor Ort und in der Zentrale der CIMIC Unit werden diese Informationen mit Hilfe der Software Sitaware zu einem komplexen zivilen Lagebild zusammengeführt und anschließend an die Führungsebene weitergeleitet. Diese Informationen stehen der militärischen Führung dann im weiteren Verlauf ihrer Operationsplanung zur Verfügung. 

 

Neben all diesen Übungsabläufen konnten wir als Beobachter auch noch die Clausewitz Kaserne, inklusive Unterkünften, Trainingsanlagen, Pressestelle, Fuhrpark etc. , sowie die Soldatinnen und Soldaten kennenlernen. Insbesondere die Gespräche mit den Soldatinnen und Soldaten haben Einblicke geboten, die einem normalerweise verwehrt bleiben. Einige der Soldaten waren beispielsweise Einsatzveteranen aus Afghanistan, Mali oder dem Kosovo und haben von ihren Erfahrungen berichtet. Gleichzeitig wurden auch gewöhnliche Alltagsprobleme thematisiert, wie die Vereinbarkeit von Dienst und Familie, sodass man die Soldatinnen und Soldaten auch auf einer persönlichen, individuellen Ebene kennenlernen konnte.

 

Ein Highlight der Übung war der Besuchertag: Hier haben alle Teilbereiche des Unterstützungsbereiches der Bundeswehr eine Fähigkeitsvorführung gegeben: ABC-Abwehr, Sanitätsdienst, Logistik, Feldjäger, ZMZ. Außerdem stand die Vorstellung des neuen Convoy Support Center (CSC) Systems auf dem Programm. Dies sind mobile Raststätten, die als Zwischenstopps für militärische Konvois dienen. Hier können Fahrzeuge betankt sowie repariert werden und den Soldaten stehen Verpflegung, Sanitäre Anlagen und Unterkünfte zum Übernachten zur Verfügung. Betrieben werden CSCs von Rheinmetall, sodass die Bundeswehr hierfür keine Ressourcen aufwenden muss.

 

CIMIC Quadriga hat eindringlich gezeigt wie wichtig die Kooperation zwischen Militär und Zivilbevölkerung ist. Im Ernstfall muss das Militär wissen welche Ressourcen die Zivilbevölkerung ihm bereitstellen kann. Auf der anderen Seite wissen wir spätestens seit der russischen Vollinvasion der Ukraine, dass auch zivile Infrastruktur und Zivilisten selbst ins Visier eines angreifenden Staates geraten können und es daher umso wichtiger ist, die Resilienz unserer Gesellschaft auch mit Hilfe des Militärs zu stärken.

 

Neben den fachlichen Lehren über die Struktur und die Arbeit von CIMIC und der Bundeswehr allgemein war die Übung auch persönlich eine Bereicherung: Ich konnte meine ersten Erfahrungen mit (fast schon in) der Bundeswehr machen, konnte mir Ausrüstung, Fahrzeuge und die Kaserne nach meinen eigenen Interessen anschauen und das soldatische Leben und auch die Menschen dahinter kennenlernen. Insgesamt hat mir die Übung einen Einblick in die Bundeswehr und unsere Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung gegeben, wie kein Paper es jemals könnte.