Am 6. Mai 2026 nahmen Mitglieder des BSH Frankfurt an der XIII. Adenauer-Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin teil. Die Konferenz widmete sich im Jubiläumsjahr zum 150. Geburtstag Konrad Adenauers zentralen Fragen deutscher Außenpolitik, europäischer Handlungsfähigkeit und strategischer Partnerschaften. Nach der Begrüßung durch KAS-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hielt Außenminister Dr. Johann Wadephul die Eröffnungsrede, gefolgt von einem moderierten Gespräch mit Dr. Anna Sauerbrey (Die Zeit) und einem abschließenden Panel.
Wadephul stellte eine klare außenpolitische Leitlinie ins Zentrum seiner Rede: In Europa liegt der Schlüssel der Zukunft Deutschlands. Angesichts eines volatilen Umfelds – mit einem aufrüstenden Russland, wachsender Zusammenarbeit zwischen Moskau, Peking, Teheran und Pjöngjang sowie einer USA, die ihren strategischen Fokus zunehmend auf den Indo-Pazifik und den eigenen Kontinent richtet – sei nur die EU gemeinsam in der Lage, wirksame Antworten zu geben. Als konkrete Handlungsfelder nannte er die finanzielle Förderung europäischer Startups, die Stärkung des Binnenmarkts einschließlich eines Verteidigungsbinnenmarkts, die Überführung europäischer Patente in europäische Unternehmenshand sowie die Vertiefung der Handelsbeziehungen mit Mercosur und Indien.
Für eine reformfähigere Union skizzierte Wadephul sechs Punkte: Erstens solle in Brüssel stärker über verstärkte Zusammenarbeit nachgedacht werden – eine Kerngruppe geht voran, andere ziehen nach, ohne dass Zögerliche diejenigen blockieren, die handeln wollen. Das Einstimmigkeitsprinzip könne Europa in eine existenzielle Gefahr führen. Zweitens plädierte er für qualifizierte Mehrheitsentscheidungen, um schnellere Beschlüsse zu ermöglichen – nicht über den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern mit dem Mut, den Anfang zu machen. Drittens brauche die EU ein klareres außenpolitisches Profil: Vernetzte Sicherheit erfordert vernetztes Handeln, das Ziel sei ein kohärenteres Auftreten nach außen. Viertens müsse Rechtsstaatlichkeit konkret gestärkt werden – EU-Mittel dürften nicht an Akteure fließen, die gegen gemeinsame europäische Werte verstoßen. Fünftens sei die EU an eine wachsende Zahl von Mitgliedstaaten anzupassen, auch die Zusammensetzung des Parlaments müsse den Erfordernissen einer größeren Union entsprechen. Sechstens sprach sich Wadephul für einen gestuften Erweiterungsprozess aus: ein gradueller Beitritt neuer Mitglieder statt eines Alles-oder-nichts-Ansatzes.
Bemerkenswert war in der Rede eine gewisse Gleichstellung von China und den USA als strategische Bezugsgrößen – ein Zeichen für die veränderten geopolitischen Koordinaten. Zum transatlantischen Verhältnis betonte Wadephul gleichwohl Kontinuität und Vertrauen: Das Bündnis sei fest und ändere sich nicht durch einzelne Entscheidungen wie den Abzug von Truppen und das nicht stationieren von Raketen. Er berichtete von konstruktiven Gesprächen mit US-Außenminister Marco Rubio und beschrieb die USA als verantwortungsvoll, pro-transatlantisch und stark an der EU interessiert – man solle nicht vorschnell urteilen. Als neuen strategischen Partner hob Wadephul Kanada hervor: exzellente bilaterale Beziehungen, G7- und NATO-Partner mit enormem Potenzial bei seltenen Erden und Rohstoffen. Die transatlantische Brücke wachse – nicht zuletzt mit Blick auf einen möglichen EU-Beitritt Islands und die geopolitische Bedeutung Grönlands. Die Interessenkongruenz sei sehr hoch; Kanada sei ein dringend benötigter Partner an Europas Seite.
Das anschließende Panel „Wie muss eine deutsche Außenpolitik für ein verteidigungsfähiges und unabhängiges Europa aussehen?" moderierte Dr. Christina Krause (KAS) mit Dr. Jana Puglierin (ECFR), Roland Theis MdB und Tanja Gönner (BDI). Puglierin hob als zentralen Punkt der Ministerrede hervor, dass Europa in der Außen- und Sicherheitspolitik wahrscheinlich nicht zu 27 im Gleichschritt vorangehen kann. Sie begrüßte, dass
Wadephul konkrete Vertragsinstrumente – qualifizierte Mehrheitsentscheidungen, Passerelle Klausel – explizit benannt habe, mahnte aber, der politische Wille dafür sei bislang extrem unterentwickelt. Zugleich fehlte ihr in der Rede ein Aspekt: Zu den Großstaaten, die für wirksame Zusammenarbeit gebraucht werden, gehören auch Großbritannien und Norwegen. Sie verwies auf die Ukraine-Sicherheitsgarantien und die Straße-von-Hormus-Initiative als Koalitionen der Willigen, die maßgeblich von Frankreich und Großbritannien gestaltet worden seien – nicht von Deutschland. Ihr Plädoyer: konstruktiven Minilateralismus auch außerhalb des EU-Rahmens zulassen und vorantreiben, so gestaltet, dass der Zusammenhalt der EU-27 nicht unterwandert, sondern gestärkt wird – als Beleg nannte sie die E3-Verhandlungen zum Iran.
Theis betonte, dass Verteidigung für viele Nationalstaaten ein so integrativer Teil von Souveränität sei, dass weder Kommission noch andere Mitgliedstaaten gerne näherkommen – und dieser Reflex in den letzten Jahren eher stärker geworden sei. Er wertete es als bemerkenswert und positiv, dass Wadephul sich trotz veränderter Rahmenbedingungen klar zum europäischen Integrationsprozess bekannt habe. Den Kompass habe man nicht verloren. Zum Führungsanspruch entwickelte sich eine lebhafte Debatte mit Puglierin: Theis wollte ihn kooperativ formulieren, nicht als Alleinanspruch. Sein Argument: Deutschland sei zu groß, um sich zurückzulehnen, aber zu klein, um es allein zu machen – weshalb es eigenes Interesse daran habe, alle mitzunehmen. Die Formel Helmut Kohls – Freund der Großen, Anwalt der Kleinen – sei nach wie vor die richtige Mitte deutscher Außenpolitik. Puglierin konterte, man könne sich den Führungsanspruch schlicht nicht leisten, ihn nicht zu formulieren – woraufhin Theis konzedierte, dass man sich ohnehin schon die ganze Zeit in Führungsverantwortung befinde.
Gönner mahnte aus wirtschaftspolitischer Perspektive, der „sense of urgency“ für tiefgreifende Reformen sei noch nicht ausreichend vorhanden. Deutschland müsse zunächst die eigenen Hausaufgaben machen – bei Bürokratieabbau, Staatsmodernisierung, Energiekosten und Lohnnebenkosten –, um überhaupt wieder als Motor für Europa wirken zu können. Positiv bewertete sie, dass Wadephul Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik als zusammengehörig behandle. Zum Rüstungsbinnenmarkt stimmte sie Theis zu, wies aber auf zwei konkurrierende Denkschulen in der Industrie hin: standardisieren und gemeinsam beschaffen versus national produzieren und nur in der Produktion kooperieren.
In der Publikumsdiskussion meldete sich unter anderem der frühere Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering zu Wort, der für Vertrauen als politische Grundkategorie plädierte und auf das blinde Vertrauen zwischen Adenauer, Schuman und de Gaulle verwies. Er sprach offen aus, dass der aktuelle amerikanische Präsident die Würde seines Landes verspiele, und forderte Europa auf, seine Werte – notfalls auch ohne die USA – selbst zu verteidigen. Eine Vertreterin des Polnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten zitierte die bekannte Aussage des polnischen Außenministers, man habe mehr Angst vor deutscher Untertätigkeit als vor deutscher Tätigkeit, und fragte nach einem Plan B für den Fall politischer Machtverschiebungen in Europa. Puglierin antwortete, man müsse sich auch für ein Szenario wappnen, in dem europäische Populisten regieren – und dabei überlegen, wie europäische Kooperation attraktiv oder Nicht-Kooperation kostspieliger gemacht werden kann. Theis verwies darauf, dass es ein Verdienst früherer Integrationsschritte sei, dass selbst Le Pen heute weder den Euro noch den EU-Verbleib Frankreichs infrage stelle. Gönner schloss mit einer selbstkritischen Anmerkung zum Verhältnis Europas mit dem Globalen Süden: Man habe zu oft einen Wertüberschuss in die Zusammenarbeit eingebracht, der nicht zu den eigentlichen Bedürfnissen der Partner gepasst habe – und damit Glaubwürdigkeit verspielt.
Wir bedanken uns herzlich bei Evelyn Gaiser von der Konrad-Adenauer-Stiftung für die Einladung und die Möglichkeit, an diesem wichtigen Austausch über Deutschlands außenpolitische Rolle teilzunehmen.
