Die Energiewende werde nicht allein durch Windräder, Solaranlagen und Stromleitungen entschieden, sondern zunehmend durch die digitale Infrastruktur, die diese Systeme steuere. Diese These stellte Dr. Weko in ihrem englischsprachigen Vortrag in den Mittelpunkt. Während die öffentliche Debatte häufig auf Hardware, Netzausbau und Energieerzeugung schaue, bleibe die dahinterliegende Software- und Dateninfrastruktur oft unterbelichtet. Gerade dort entstünden jedoch neue Abhängigkeiten, die sicherheits- und geoökonomisch kaum weniger relevant seien als klassische Fragen der Energieversorgung.
Nach Wekos Einschätzung basiere die Transformation hin zu erneuerbaren Energien auf einem immer komplexeren digitalen Netz. Dieses werde benötigt, um Stromnetze zu entlasten, verfügbare Energie möglichst effizient zu nutzen und Netzschwankungen auszugleichen. Je stärker erneuerbare Energien in das Gesamtsystem integriert würden, desto wichtiger werde die Fähigkeit, große Datenmengen in Echtzeit auszuwerten und technische Prozesse automatisiert zu steuern. Genau diese digitale Ebene werde jedoch zunehmend von großen Technologieunternehmen bereitgestellt.
Damit verschiebe sich die Macht in der Energiewirtschaft. Nicht nur Hersteller physischer Infrastruktur, sondern vor allem Anbieter von Software, Cloud-Diensten und Datenplattformen bestimmten künftig darüber mit, wie Energiesysteme funktionierten. Weko beschrieb dies als Entwicklung, in der Big-Tech-Unternehmen zunächst Dateninfrastrukturen öffentlich zugänglich machten, um Daten aus Wissenschaft und Wirtschaft zu bündeln. Sobald diese Strukturen unverzichtbar geworden seien, könne der Zugriff darauf jedoch monetarisiert und kontrolliert werden. Der Markt werde dadurch nicht offener, sondern eher stärker monopolisiert.
Die Referentin machte deutlich, dass sich dieser Prozess nicht auf die Energiewirtschaft beschränke. Vergleichbare Muster ließen sich auch in anderen stark digitalisierten Bereichen beobachten, etwa im Gesundheitswesen. Wo digitale Netzwerke zur Grundlage öffentlicher Versorgung würden, könnten private Plattformunternehmen schrittweise eine Rolle einnehmen, die weit über klassische Dienstleistungen hinausgehe. Sie würden damit zu geoökonomischen Akteuren, die nicht nur technische Lösungen anböten, sondern über Netzwerkkontrolle politischen und wirtschaftlichen Einfluss gewännen.
Besonders problematisch sei diese Entwicklung für Europa. Die EU habe sich bei digitaler Infrastruktur zunehmend von China gelöst, verfüge aber bislang über keine tragfähige europäische Alternative zu den Angeboten US-amerikanischer Technologiekonzerne. Dadurch entstehe eine einseitige Abhängigkeit, die sicherheitspolitisch relevant werde. Weko verdeutlichte dies mit dem sinngemäßen Hinweis eines ukrainischen Militärs, wonach die Ukraine ihre Verteidigung ohne Daten und Dienste großer Technologieunternehmen kaum aufrechterhalten könne. Digitale Infrastruktur sei damit längst nicht mehr nur eine wirtschaftliche Frage, sondern Teil strategischer Handlungsfähigkeit.
Zusätzliche Brisanz gewinne diese Abhängigkeit durch die politische Entwicklung in den USA. Die zunehmende Kooperation großer Technologieunternehmen mit einer autoritärer regierenden US-Regierung bewertete Weko als besorgniserregenden Trend. Wenn europäische Staaten zentrale digitale Netzwerke nutzten, deren Kontrolle bei privaten Konzernen außerhalb Europas liege, entstehe ein strukturelles Machtungleichgewicht. Die EU könne zwar Regulierungsvorhaben auf den Weg bringen, doch der Lobbyeinfluss der großen Plattformunternehmen bleibe erheblich.
Gleichzeitig sah Weko in der aktuellen Lage auch einen möglichen Wendepunkt. In Europa wachse das Bewusstsein dafür, wie problematisch diese Abhängigkeiten seien. Hinzu komme, dass Big-Tech-Unternehmen in der europäischen Öffentlichkeit nicht uneingeschränkt Vertrauen genössen. Darin könne eine politische Chance liegen, stärker über Alternativen nachzudenken. Eine schnelle Abkehr sei jedoch kaum absehbar. Die Politik könne sich nach Wekos Einschätzung bislang nicht ernsthaft vorstellen, zentrale digitale Infrastrukturen ohne Big Tech zu organisieren.
Als mögliche Lösung skizzierte die Referentin eine stärkere Überführung digitaler Netzwerkstrukturen in öffentliche oder halböffentliche Partnerschaften. Dadurch könne demokratische Kontrolle über Infrastrukturen entstehen, die für Energieversorgung, Sicherheit und öffentliche Daseinsvorsorge zentral seien. Eine konkrete Entwicklung in diese Richtung sehe sie derzeit jedoch nicht.
An den rund 45-minütigen Vortrag schloss sich eine etwa 30-minütige Diskussion an. Die Teilnehmenden fragten unter anderem, was die von Weko beschriebenen Abhängigkeiten konkret für die Energiewende bedeuteten und welche politischen Optionen der EU offenstünden. Diskutiert wurde auch, ob einzelne Mitgliedstaaten eigene Lösungen entwickeln könnten oder ob eine europäische Antwort nötig sei. Weko betonte, einzelne Länder verfügten wahrscheinlich nicht über die notwendigen Mittel, um eigenständig tragfähige Alternativen aufzubauen.
Dr. Weko, die in den USA geboren wurde, in Erfurt promoviert hat und die Universität bereits kannte, ging während des Gesprächs gezielt auf die Nachfragen ein und verband ihre Analyse der Energiewirtschaft mit grundsätzlichen Fragen europäischer Souveränität im digitalen Zeitalter.
Im Anschluss an den Gastvortrag fand im Speicher der reguläre Stammtisch der ISP statt, bei dem die Teilnehmende das Thema über die Geoökonomie von BigTech fortführen konnten und sich über den Vortrag austauschen konnten.





