Zuerst wurde Herr Bećirović von Prof. Dr. Hoffmann vorgestellt: Als Diplomatiehistoriker und Publizist hat er sich viel mit Fürst von Metternich und dessen politischen Handeln auseinandergesetzt.
Eine erste Erkenntnis aus Bećirović Forschung in der geschichtlichen Betrachtung der deutschen Außenpolitik ist die Notwendigkeit des deutschsprachigen Raums, immer unabhängig zu bleiben, um weder eine Avantgarde des Westens gegen den Osten oder andersrum zu sein. Daher sei es wichtig, die dadurch entstehenden Unsicherheiten zu ertragen. Seit der Französischen Revolution seien Metternich und Bismarck die einzigen Außenminister gewesen, die das strategische Problem erkannt haben, dass deutschsprachige Länder zwischen Ost und West in Europa säßen. Durch sie sei jeweils am Ende ein politisches Kunstwerk entstanden, eine Staatskunst zu betreiben, die auf empirische und durchkalkulierte Fundamente beruhe. Wer Europa kontrollieren wolle, musste auch Deutschland kontrollieren können.
So habe Metternich, langjähriger österreichischer Diplomat und Außenminister unter der Habsburgermonarchie von 1808 bis 1848, durch diplomatisches Geschick geschafft, die Unterstützung des russischen Zaren zu erhalten, obwohl beide unterschiedlichste Positionen bei der griechischen Revolution hatten.
Bismarck habe die Sicherheitsinteressen der Großmächte als auch die eigenen sehr präzise balanciert. Er habe Deutschland ins Zentrum der europäischen Ordnung gebracht und seine Bündnisse viel enger geschnürt. Bećirović meinte, es hätte den 1. Weltkrieg schon viel früher geben können, aber durch das Taktieren Bismarcks sei dies verhindert worden. Das komplexe Spiel Bismarcks konnte durch seinen Nachfolger nicht nachverfolgt werden, weswegen das Gleichgewicht der europäischen Ordnung zerbrach.
Sowohl nach Metternichs Sturz als auch nach Bismarcks Tod hätten sowohl Österreich als auch Deutschland ihren Einfluss in Europa verloren.
Das Gleichgewichtsspiel nach Bismarck habe sich laut Bećirović Konrad Adenauer nach dem 2. Weltkrieg zu eigen genommen, um eine moralische Rehabilitierung, eine wirtschaftliche Erholung und eine Wiedervereinigung Deutschlands anzustreben. U.a. durch die Ausbalancierung von Frankreich und den USA, verbunden mit der Westanbindung, habe Adenauer die westdeutsche Wirtschaftserholung ermöglicht, wenngleich neben einer Grundskepsis gegenüber den Amerikanern und Zweifeln an deren Nuklearschutz ihm die Europäische Verteidigungsgemeinschaft das Hauptziel gewesen sei.
Auch Helmut Kohl habe es wie Adenauer geschafft, alle Partner gegenseitig auszubalancieren, um in Ruhe und ohne vorzupreschen seinen Einfluss auf internationaler Ebene auszuüben. Strategisches Konzept sei es gewesen, möglichst niemanden verärgern zu wollen und ohne zu sichtbare Ansprüche zu stellen.
Laut Bećirović hätte sich die deutsche Außenpolitik nach 1989 neu ausrichten müssen, mit einer strategischen Partnerschaft mit den USA auf einer neuen Grundlage und der Fähigkeit, auch ohne die USA gewappnet sein zu können. Vor allem gelte es für Deutschland und Europa, seine Einflusssphäre zu schützen, am Beispiel der Ukraine habe man aber Russland und die USA als aktive entscheidende Hauptakteure zugelassen, wobei letztere immer zusammen mit der Androhung des Abzugs auf Kosten der Europäer gehandelt hätten. Für den Diplomatiehistoriker ist deutlich geworden, dass Deutschland heutzutage zwischen den USA und Russland wieder zerdrückt werde, und die klassische Rolle des Ausbalancierens aus einer Machtposition zwischen West und Ost, um strategische Probleme zu lösen, verloren gegangen sei. Auch sei Frankreich nicht bereit, diese Aufgabe wahrzunehmen. Das zurückhaltende Verhalten und die zu freundliche Kompromissfähigkeit Deutschlands gegenüber Frankreich sei auch Quelle des zweimaligen Scheiterns der europäischen Verteidigungsunion gewesen. Ein gewiss ungewöhnlicher Vorschlag, den Muamer Bećirović hervorhob, ist, dass Deutschland die Atombombe brauche, um defensiv sich schützen zu können und machtpolitisch mitreden zu können. Außerdem bräuchte es ein konsolidiertes Mitteleuropa unter deutscher Leitung, bis hin zu einer mitteleuropäischen Verteidigungsunion, in der Frankreich später dazustoßen könne. Es sei wichtig, sich die Frage der deutschen Identität zu stellen.
In der Diskussion mit dem Publikum erwiderte Prof. Dr. Hoffmann, dass sie nicht davon überzeugt sei, dass Nation und Nationalstaat mit der Verknüpfung von Bevölkerung, Regierung und Territorium existenziell seien, sondern lediglich ein in der Außenpolitik und Militärapparaten sehr einflussreiches Narrativ, das aber die materielle Realität nur in kleinen Teilen nachbilde. Die Vermengung zwischen einer Außenpolitik des absolutistischen Fürstenstaates und der Expansion durch Ressourcengewinn im heutigen Kapitalismus nicht mehr möglich sei. Die Annahme, dass Nationalstaaten automatisch nach territorialer Expansion strebten sei eine Vermengung von Konservatismus und Nationalismus, die für die internationalen Beziehungen weder friedensfördernd noch konstruktiv seien. Bećirović entgegnete mit den Narrativen Russlands, Chinas und der USA, die jeweils eine historische Weltmission und Einflusssphären hätten, und hier der Nationalstaat durchaus seine Relevanz hätte.
Wir danken Herrn Bećirović für die aufschlussreiche Diskussion und den Besuch an unserer Hochschulgruppe.





