Gastvortrag - Die Zukunft des Iran und die Sicherheitsarchitektur am Persischen Golf

Am 28. April 2026 veranstalteten der BSH Erfurt und der BSH Würzburg gemeinsam einen Online-Gastvortrag mit dem Titel „Die Zukunft des Iran und die Sicherheitsarchitektur am Persischen Golf“, bei dem Diba Mirzaei vom GIGA-Institut referierte, um vor dem Hintergrund des US-Angriffs auf den Iran diesen Jahres die aktuellen Entwicklungen und historischen Zusammenhänge zu analysieren. Der Krieg, der von vielen als völkerrechtswidrig eingestuft wird, hat die ohnehin fragile Ordnung am Persischen Golf weiter erschüttert und die Debatte über die Zukunft der Region neu aufgeheizt.

Die Referentin begann mit einem Rückblick auf die historischen Wurzeln der heutigen Konflikte. Schon vor der Iranischen Revolution von 1979, die das Land von einer Monarchie in eine islamische Republik verwandelte, strebte der Iran nach regionaler Vorherrschaft. Die Nixon-Doktrin in den 1970er Jahren hatte eine enge Anbindung des Iran an die USA bei gleichzeitiger Ablehnung externer Einmischung vorgesehen. Doch der Rückzug Großbritanniens aus dem Persischen Golf in den 1960er und 1970er Jahren hinterließ ein Machtvakuum, das Saudi-Arabien, der Irak und der Iran zu füllen versuchten. Diese Dynamik führte zu einem Gleichgewicht der Kräfte, das jedoch durch den Irakkrieg 2003 und den Sturz des Hussein-Regimes nachhaltig gestört wurde. Seitdem hat der Iran seine Position als regionale Vormacht weiter ausbauen können, während der Irak geschwächt wurde, u.a. durch schiitischen Kräften.

Ein zentraler Fokus des Vortrags lag auf den aktuellen Entwicklungen seit dem US-Angriff auf den Iran 2026. Die Referentin betonte, dass dieser Krieg nicht nur eine direkte Konfrontation zwischen den USA und dem Iran darstellt, sondern auch Israel, als „kleinen Satan“ laut iranischer Doktrin, sowie die Golfstaaten in die Eskalation einbindet. Der Iran, der sich seit der Revolution 1979 durch eine radikale anti-westliche Haltung auszeichnet, sieht sich nun in einer Position, in der er seine Militärstrategie – insbesondere den Einsatz von Drohnen und Raketen – als asymmetrisches Mittel gegen die technologische Überlegenheit der USA und ihrer Verbündeten einsetzt. Gleichzeitig nutzen Milizen wie die Huthis im Jemen oder die Hisbollah im Libanon die Situation für eigene Interessen, oft unabhängig von Teherans direkter Kontrolle.

Die regionalen Allianzen sind dabei im Wandel. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verließen überraschend die OPEC am 1. Mai 2026, was als Zeichen für eine Schwächung der regionalen Kooperation gewertet werden kann. Saudi-Arabien sucht unterdessen Annäherung an die Türkei, Pakistan und – wenn auch zögerlich – an Israel im Rahmen der Abraham-Abkommen. Doch die Bevölkerung in Saudi-Arabien steht einer solchen Annäherung kritisch gegenüber, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, als die Spannungen mit Israel weiter eskalierten. Die „Achse des Widerstands“, zu der der Iran, die Hisbollah und die Huthis gehören, bleibt trotz aller Rückschläge handlungsfähig und kann weiterhin Chaos in der Region verursachen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die innenpolitische Lage im Iran. Die Revolutionsgarden haben nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und politisch enorm an Einfluss gewonnen. Eine Demokratisierung von außen, etwa durch einen Regime Change, gilt als unrealistisch. Die Bevölkerung leidet unter den Sanktionen, doch gleichzeitig wächst der Hass gegen den Westen, insbesondere nach Angriffen auf zivile Ziele wie Schulen. Die Referentin betonte, dass viele Iraner:innen zwar das Regime ablehnen, aber eine anti-westliche Haltung entwickelt haben, die durch die aktuellen Konflikte weiter verstärkt wird. 

Abschließend skizzierte die Referentin drei mögliche Zukunftsszenarien für die Region. Erstens könnte es zu einer weiteren Eskalation kommen, die eine regionale Kettenreaktion auslöst und möglicherweise auch zivile Infrastruktur trifft. Zweitens wäre eine brüchige Stabilität denkbar, in der fragile Arrangements den Status quo aufrechterhalten, ohne dass echter Frieden einkehrt. Drittens könnte langfristig eine regionale Sicherheitsordnung entstehen, doch bisher gibt es darauf keine konkreten Antworten. Die Referentin betonte, dass der Iran aktuell keine klare Strategie verfolge, sondern vielmehr darauf setze, die Kosten für die USA und ihre Verbündeten so hoch wie möglich zu treiben.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Komplexität der Region – mit ihren historischen Rivalitäten, Milizen und externen Akteuren – multidimensionale Lösungsansätze erfordert. Einig war man sich darin, dass eine nachhaltige Stabilisierung nicht allein durch militärische Mittel erreicht werden kann. Die Veranstaltung endete mit dem Appell seitens Mirzaei, dass „Demokratie nicht durch Bomben von außen geschaffen werden kann“ und dass nur die Menschen im Iran selbst einen Wandel herbeiführen können.