Digitale Souveränität sei keine abstrakte Zukunftsfrage, sondern betreffe ganz konkret die Fähigkeit des Staates, seine Aufgaben verlässlich, transparent und unabhängig wahrzunehmen. Diese Perspektive stellte Milen Starke, Staatssekretärin für Digitales und Infrastruktur in Thüringen, in ihrem Vortrag am 03. Juni 2026 in den Mittelpunkt. Auf Einladung der Hochschulgruppe sprach sie ab 17 Uhr über Strategien gegen die Macht großer Digitalkonzerne und darüber, wie Thüringen eigene Handlungsspielräume in der digitalen Transformation stärken wolle. Thüringen hält zusammen mit Schleswig-Holstein eine Vorreiterrolle in Deutschland bezüglich digitaler Transformation.
Im Zentrum des Vortrags stand die Frage, wer über Daten verfüge und warum es politisch entscheidend sei, was mit diesen Daten geschehe. Starke machte deutlich, dass digitale Souveränität nicht nur eine technische Kategorie sei. Sie umfasse Datenkontrolle, Technologiefreiheit und die Möglichkeit, digitale Systeme demokratisch nachvollziehbar zu gestalten. Entscheidend sei demnach nicht allein, ob Verwaltung und öffentliche Einrichtungen digitale Werkzeuge nutzten, sondern ob einzelne Komponenten austauschbar blieben, Abhängigkeiten von Anbietern begrenzt würden und digitale Infrastrukturen dem Gemeinwohl dienten.
Besonders anschaulich wurde diese Frage am Beispiel der Verwaltungsdigitalisierung. In Thüringen seien verschiedene Abteilungen bislang nicht ausreichend miteinander vernetzt. Anträge müssten teils ausgedruckt und anschließend wieder digitalisiert werden. Solche Brüche zeigten, dass Digitalisierung nicht automatisch Effizienz bedeute, wenn Prozesse, Daten und Zuständigkeiten nicht zusammen gedacht würden. Gleichzeitig stehe Thüringen vor strukturellen Herausforderungen: Die Bevölkerung werde älter, weniger Personal müsse mehr Aufgaben übernehmen und zugleich stiegen die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger, weil digitale Dienste in anderen Lebensbereichen längst selbstverständlich geworden seien. Hinzu komme ein sinkendes Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit, wenn Verwaltung als langsam oder umständlich wahrgenommen werde.
Als Antwort auf diese Herausforderungen stellte Starke den Ansatz eines „Smart State Thüringen“ vor. Ziel sei es, die Digitalisierung der Verwaltung stärker zentral zu steuern, Softwarelösungen landesweit zu vereinheitlichen und Standards zu setzen. Eine solche Standardisierung solle im sogenannten „Thüringen-Stack“ gebündelt werden, der Infrastruktur, Daten und Management zusammendenke. Damit gehe es nicht nur um einzelne Programme, sondern um eine digitale Grundstruktur, die in ganz Thüringen nutzbar sei.
Eine Schlüsselrolle schrieb Starke dabei offenen und austauschbaren Systemen zu. Open Source könne dazu beitragen, Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern zu reduzieren und IT-Systeme transparenter zu gestalten. Zugleich betonte sie, dass Open Source allein noch keine digitale Souveränität garantiere. Souveränität könne auch zum Schlagwort werden, wenn sie politisch behauptet, technisch aber nicht eingelöst werde. Entscheidend sei deshalb, ob öffentliche Stellen tatsächlich kontrollieren könnten, welche Systeme sie nutzen, welche Daten verarbeitet würden und wie abhängig sie von einzelnen Unternehmen blieben.
Die Staatssekretärin verband diese technische Ebene mit einer demokratiepolitischen Dimension. Digitale Souveränität bedeute auch, Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Vertrauen und Akzeptanz entstünden nicht allein durch neue Software, sondern durch Beteiligung, Bildung und verständliche Erklärungen. Starke verwies dabei auf Lehrpläne in Schulen, Hochschulen und Erwachsenenbildung sowie auf niedrigschwellige Angebote, die digitale Themen erklären sollten. Wer digitale Dienste nutzen solle, müsse auch verstehen können, welche Entscheidungen dahinterstünden.
In der Diskussion wurde besonders deutlich, wie stark die Macht großer Digitalkonzerne bereits in alltägliche digitale Routinen eingebettet ist. Starke problematisierte, dass Microsoft in vielen Bereichen den Diskurs dominiere und proprietäre Systeme öffentliche Einrichtungen in langfristige Abhängigkeiten bringen könnten. Eine demokratische IT müsse deshalb als Teil demokratischer Gesellschaft verstanden werden. Öffentliche Institutionen sollten nicht nur Nutzer fremder Plattformen sein, sondern eigene Gestaltungsfähigkeit bewahren.
Zugleich zeigte der Vortrag, dass der Weg zu digitaler Souveränität schwierig bleibt. Thüringen setze zwar auf Open-Data-Ansätze, auf einen Digitalcheck, auf Projekte wie „X-Road“ und auf eine strategische Medienbildung. Dennoch bleibe der Einfluss großer Anbieter erheblich. Auch die Frage, wie Künstliche Intelligenz sinnvoll eingesetzt werden könne, berühre dieses Spannungsfeld. KI könne Prozesse beschleunigen und Personal entlasten, dürfe aber nicht dazu führen, dass neue Abhängigkeiten entstünden oder Entscheidungen undurchsichtiger würden.
Die anschließende Fragerunde nahm deutlich mehr Raum ein als geplant. Starke beantwortete rund 20 Minuten länger Fragen aus dem studentischen Publikum und ging dabei unter anderem auf Open Source, Cloud-Abhängigkeiten, Halbleiterproduktion, KI-Regulierung und die praktische Umsetzbarkeit digitaler Souveränität ein. Diskutiert wurde auch, ob öffentliche Stellen wirklich die nötigen Mittel und Kompetenzen hätten, um sich von dominierenden Digitalkonzernen unabhängiger zu machen. Dabei wurde deutlich, dass Thüringen in Teilen auf einem guten Weg sei, die vollständige digitale Souveränität aber weiterhin eher Ziel als Zustand bleibe.
Zum Abschluss dankte die Hochschulgruppe der Staatssekretärin für den Vortrag und die ausführliche Diskussion. Die Veranstaltung zeigte, dass digitale Souveränität längst nicht nur ein Thema für IT-Fachleute ist. Sie berührt die Leistungsfähigkeit des Staates, die demokratische Kontrolle öffentlicher Infrastruktur und die Frage, wie abhängig Gesellschaften von wenigen privaten Plattformunternehmen sein wollen.
Wir danken Staatssekretärin Milen Starke für diese sehr exklusiven Eindrücke in die Arbeit der Landesregierung und Einschätzungen.




