Am 19. Mai 2026 veranstaltete FAUST Frankfurt gemeinsam mit dem Forum Frankfurt der Deutschen Atlantischen Gesellschaft eine sicherheitspolitische Abendveranstaltung mit Nico Lange zum Thema „Kann Europa Geopolitik?“. Rund 110 Gäste kamen auf dem Campus Westend der Goethe-Universität zusammen, um mit dem Sicherheitsexperten über Europas geopolitische Handlungsfähigkeit, verteidigungspolitische Abhängigkeiten und die Frage europäischer Souveränität zu diskutieren. Die große Resonanz sowie die breite Altersspanne im Publikum zeigten, wie stark die Debatte über Europas strategische Rolle inzwischen über Fachkreise hinaus an Bedeutung gewonnen hat.
Nico Lange, Gründer und Direktor des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit, Senior Fellow beim Think Tank CEPA in Washington, D.C. und früherer Leiter des Leitungsstabs im Bundesministerium der Verteidigung, stellte in seinem rund 50-minütigen Vortrag eine klare Diagnose in den Mittelpunkt: Europa ist geopolitisch gegenwärtig nicht ausreichend aufgestellt. Während andere Akteure ihre Interessen mit strategischer Konsequenz verfolgen, verfüge Europa zwar über erhebliche wirtschaftliche, technologische und industrielle Ressourcen, setze diese aber noch nicht kohärent genug in sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit um. Der entscheidende Engpass sei daher weniger ein Mangel an Geld oder Technologie, sondern politischer Wille, Priorisierung und Koordination. Ausgangspunkt des Vortrags war die veränderte sicherheitspolitische Lage Europas. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die wachsende strategische Konkurrenz zwischen den USA und China sowie die zunehmende Bedeutung technologischer und industrieller Machtressourcen hätten die Grundannahmen europäischer Sicherheitspolitik verschoben. Europa könne sich nicht länger darauf verlassen, dass andere Akteure seine Sicherheit dauerhaft gewährleisten. Dies bedeute nicht eine Abkehr von NATO oder transatlantischer Partnerschaft, wohl aber die Notwendigkeit, europäische Handlungsfähigkeit substanziell auszubauen. Geopolitik beginne dort, wo politische Ziele, industrielle Fähigkeiten, militärische Mittel und strategische Prioritäten zusammengeführt werden.
Lange machte deutlich, dass Europas Problem nicht in fehlenden Voraussetzungen liege. Mit dem zweithöchsten Verteidigungsbudget weltweit, einer starken Industrie- und Technologiebasis sowie erheblichen fiskalischen Ressourcen habe Europa grundsätzlich die Mittel, seine Abhängigkeiten zu reduzieren. Gleichzeitig bleibe Europa über weite Teile der militärischen Wirkkette abhängig: von militärischer Cloud, Führungssystemen und Kommunikationsfähigkeiten über Satellitenaufklärung, Luftverteidigung und elektronische Kampfführung bis hin zu weitreichenden Präzisionswaffen und strategischer Einsatzversorgung. Diese Abhängigkeiten seien nicht nur technische Detailfragen, sondern berührten den Kern politischer Handlungsfähigkeit.
Im Zentrum des Vortrags standen daher konkrete Vorschläge für europäische Verteidigungsautonomie. Lange verwies auf zentrale Fähigkeitslücken, die Europa in den kommenden Jahren adressieren müsse: resiliente Führungs- und Kontrollsysteme, skalierte autonome Systeme, bodengebundener Deep Precision Strike, gestaffelte Luftverteidigung, Satellitenaufklärung und Kommunikation, souveräner Zugang zum Weltraum, persistente Luftaufklärung, militärische Cloud-, Software- und KI-Infrastruktur, strategischer Lufttransport sowie elektronische Kampfführung. Entscheidend sei nicht, jedes bestehende System national zu duplizieren, sondern europäische Fähigkeiten dort aufzubauen, wo Abhängigkeiten operative und politische Verwundbarkeit erzeugen.
Besonders betonte Lange die Frage industrieller Skalierung. Europa habe in der Vergangenheit häufig komplexe, teure und fragmentierte Rüstungsprojekte verfolgt, statt schnelle, skalierbare und interoperable Fähigkeiten aufzubauen. Die europäische Verteidigungslandschaft sei durch parallele Systeme, nationale Sonderwege und ineffiziente Beschaffungslogiken geprägt. Gerade im Bereich Drohnen, Luftverteidigung, Software, KI und Raumfahrt müsse Europa lernen, schneller zu entwickeln, breiter zu produzieren und stärker mit neuen Anbietern zu arbeiten. Die Ukraine zeige, dass technologische Anpassungsfähigkeit, kurze Innovationszyklen und klare operative Zielsetzungen enorme Wirkung entfalten können. Ein zentrales Argument war dabei, dass europäische Verteidigungsfähigkeit nicht allein durch höhere Ausgaben entsteht. Mehr Geld könne wirkungslos verpuffen, wenn es in alte Strukturen und fragmentierte Beschaffung fließe. Lange plädierte daher für einen Paradigmenwechsel: weg von überlangen Spezifikationen und starren Stückzahl-Beschaffungen, hin zu Prototypenwettbewerben, ergebnisorientierten Verträgen, Kapazitätsverträgen und einem europäischen Fast-Track für souveränitätskritische Fähigkeiten.
Damit verband Lange eine grundsätzliche politische Forderung: Europa müsse Verteidigungsfähigkeit als strategisches Großprojekt begreifen. Ähnlich wie historische technologische Mobilisierungsprogramme erfordere der Aufbau europäischer Handlungsfähigkeit eine Bündelung politischer Führung, industrieller Ressourcen und technologischer Kompetenz. Das Ziel sei nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, auch unter veränderten transatlantischen Bedingungen glaubwürdig handeln und abschrecken zu können. Hierbei solle sich jedoch die Frage nach glaubwürdiger Abschreckung gestellt werden - dass ein Fragebogen-Wehdienst den Kreml abschrecken würde, bezweifelte Lange stark. Hier ist demnach die Frage, wieso man die spaltenden und unzureichend abschreckenden Maßnahmen der deutschen Gesellschaft als Instrument gegen Russland verkauft. Der Kreml wolle Europa schließlich vor allem spalten, und dies scheint in einigen Teilen zu gelingen. Zu einer militärischen Abschreckung gehöre auch das Fordern eines stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich ein rund 50-minütiger, angeregter Dialog mit dem Publikum. Die Fragen reichten von der Rolle der NATO und der Zukunft des transatlantischen Verhältnisses über die politische Durchsetzbarkeit europäischer Verteidigungsprojekte bis hin zu industriellen Kapazitäten, Finanzierung, technologischen Risiken und demokratischer Kontrolle. Dabei wurde deutlich, dass die Debatte über europäische Geopolitik nicht abstrakt geführt werden kann. Sie berührt konkrete Fragen: Wer priorisiert? Wer finanziert? Wer beschafft? Welche Fähigkeiten braucht Europa wirklich? Und wie lässt sich verhindern, dass neue Programme erneut in nationaler Fragmentierung stecken bleiben?
Ein wiederkehrender Punkt in der Diskussion war die Frage, ob Europa politisch überhaupt in der Lage ist, geopolitisch zu handeln. Lange zeigte sich hier kritisch, aber nicht fatalistisch. Europa verfüge über die Mittel, müsse aber lernen, strategischer zu denken und Entscheidungen stärker an sicherheitspolitischer Wirkung auszurichten. Geopolitische Handlungsfähigkeit bedeute, eigene Interessen definieren, Abhängigkeiten erkennen, Prioritäten setzen und Ressourcen entsprechend bündeln zu können. Gerade Deutschland trage dabei besondere Verantwortung, weil es über erhebliche finanzielle und industrielle Ressourcen verfüge und zugleich im europäischen Rahmen handlungsfähig bleiben müsse. Das Fazit des Abends fiel entsprechend nüchtern, aber handlungsorientiert aus: Europa ist geopolitisch noch nicht ausreichend aufgestellt. Die strukturellen Voraussetzungen für mehr Eigenständigkeit sind jedoch vorhanden. Entscheidend wird sein, ob europäische Staaten bereit sind, politische Führung zu übernehmen, Beschaffung neu zu denken, industrielle Skalierung zu ermöglichen und sicherheitspolitische Prioritäten konsequent umzusetzen. Europa kann Geopolitik — aber nur, wenn es aufhört, seine Ressourcen zu fragmentieren, und beginnt, Machtmittel strategisch zu organisieren.
Wir bedanken uns herzlich bei Nico Lange für den gehaltvollen Vortrag und die offene Diskussion sowie beim Forum Frankfurt der Deutschen Atlantischen Gesellschaft für die gelungene Kooperation. Der große Zuspruch und der intensive Austausch haben gezeigt, wie wichtig Räume sind, in denen Studierende, sicherheitspolitisch Interessierte und erfahrene Praktiker gemeinsam über Europas Rolle in einer veränderten Weltordnung diskutieren können.
