Resiliente Gesellschaft und Gesamtverteidigung Deutschlands

Digitaler Austausch mit Botschafter a.D. Christoph Eichhorn über Erfahrungen aus den baltischen Staaten im Umgang mit Cyberangriffen, Desinformation und hybriden Bedrohungen

KI-generiertes Bild

Am 06.07.2026 durfte die Hochschulgruppe für Sicherheits- und Außenpolitik Trier erneut Botschafter a.D. Christoph Eichhorn zu einer digitalen Veranstaltung begrüßen. Unter dem Titel „Resiliente Gesellschaft / Gesamtverteidigung Deutschlands: Erfahrungen aus den baltischen Staaten im Kampf gegen Cyberangriffe und Desinformation“sprach Herr Eichhorn mit 14 Teilnehmenden über gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit, hybride Bedrohungen und die Frage, was Deutschland von den Erfahrungen anderer europäischer Staaten lernen kann.

Herr Eichhorn war bereits mehrfach Referent unserer Hochschulgruppe. Auch dieses Mal zeigte sich erneut, weshalb die bisherigen Veranstaltungen mit ihm bei unseren Mitgliedern in so guter Erinnerung geblieben sind: Der Abend verband außen- und sicherheitspolitische Analyse mit einem unmittelbaren Einblick in diplomatische Praxis. Besonders wertvoll war dabei der Perspektivwechsel von der abstrakten Theorie hin zu konkreten Erfahrungen aus internationalen Kontexten.

 

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, wie demokratische Gesellschaften widerstandsfähiger gegenüber Cyberangriffen, Desinformation, politischer Einflussnahme und sicherheitspolitischem Druck werden können. Herr Eichhorn machte deutlich, dass Resilienz nicht allein eine technische oder militärische Frage ist. Vielmehr betreffe sie Staat, Gesellschaft, Institutionen, Bildung, Kommunikation und das Selbstverständnis einer Demokratie insgesamt.

 

Besonders prägend waren die von Herrn Eichhorn formulierten zehn Punkte auf dem Weg zu einer resilienteren Gesellschaft. Als ersten und zentralen Punkt stellte er die Freiheit heraus. Freiheit sei nicht nur ein politischer Begriff, sondern ein Kernwert demokratischer Gesellschaften, dessen Bedeutung immer wieder bewusst gemacht werden müsse. Resilienz beginne dort, wo eine Gesellschaft wisse, was sie schützen wolle.

 

Zweitens betonte Herr Eichhorn die Bedeutung von Geschichte und historischer Erfahrung. Gesellschaften müssten sich ihrer eigenen Geschichte bewusst sein, insbesondere dort, wo Freiheit verloren gegangen sei.

 

Ein weiterer Punkt war die Frage der Grundhaltung und der Vorbilder. Herr Eichhorn unterschied dabei zwischen lähmender Angst und konstruktiver Sorge. Während Angst passiv mache, könne Sorge dazu führen, Verantwortung zu übernehmen und Resilienz aufzubauen. Deutschland könne hierbei auch von Staaten lernen, in denen gesellschaftliche Wehrhaftigkeit und sicherheitspolitische Verantwortung selbstverständlicher diskutiert würden.

 

Darüber hinaus sprach Herr Eichhorn über Entschlossenheit und Klarheit. Sicherheitspolitische Herausforderungen müssten offen und realistisch benannt werden. Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, nicht auszuweichen oder Probleme zu beschönigen, sondern sie sachlich und klar darzustellen, um die gesamte Gesellschaft einzubinden.

 

Als weiteren Punkt nannte er Selbstvertrauen. Eine resiliente Gesellschaft müsse auch dann handlungsfähig bleiben, wenn Situationen schwieriger und unübersichtlicher werden. Selbstvertrauen bedeute dabei nicht Überheblichkeit, sondern die Fähigkeit, auf die eigenen demokratischen Institutionen, gesellschaftlichen Kräfte und politischen Grundwerte zu vertrauen.

 

Mit dem Leitsatz „Handeln, nicht jammern“ machte Herr Eichhorn deutlich, dass Resilienz praktische Konsequenzen haben müsse. Die derzeitige Rechtslage sei in vielen Bereichen zu komplex und erschwere ein schnelles und entschlossenes Handeln. Eine resiliente Gesellschaft müsse daher ein stärkeres Bewusstsein für Dringlichkeit entwickeln und ihre rechtlichen Rahmenbedingungen so anpassen, dass sie auf Bedrohungen vorbereitet und handlungsfähig reagieren könne, ohne dabei rechtsstaatliche Prinzipien zu vernachlässigen.

 

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf klarer Kommunikation mit der Bevölkerung. Desinformation könne nur wirksam begegnet werden, wenn Staat und Gesellschaft transparent, verständlich und glaubwürdig kommunizierten. Gerade öffentlich-rechtliche und institutionelle Kommunikation müsse dazu beitragen, Falschinformationen einzuordnen, zu kontern und Vertrauen zu stärken.

 

Auch die wehrhafte Demokratie nahm einen wichtigen Platz in der Diskussion ein. Herr Eichhorn betonte, dass eine offene und liberale Demokratie ihre eigene Verteidigungsfähigkeit ernst nehmen müsse. Dazu gehöre auch eine gesellschaftlich offenere Debatte über Bundeswehr und Sicherheitspolitik bereits in Schulen und besonders an Universitäten. Sicherheitspolitik dürfe kein verbanntes Randthema sein, sondern müsse in die Mitte des offenen Diskurs. Unbequeme Wahrheiten dürften dabei einer notwendigen sicherheitspolitischen Debatte nicht entgegenstehen.

 

Als neunten Punkt hob Herr Eichhorn die Rolle der Zivilgesellschaft hervor. Verteidigung und Resilienz seien nicht ausschließlich staatliche Aufgaben. Auch zivilgesellschaftliche Akteure, Unternehmen, Verbände und Berufsgruppen könnten einen Beitrag leisten. Eine resiliente Gesellschaft entstehe dort, wo staatliche Strukturen und gesellschaftliche Unterstützung sinnvoll ineinandergreifen.

 

Abschließend sprach Herr Eichhorn über kleine Gesten mit großer Wirkung. Anerkennung für Einsatzkräfte, Soldatinnen und Soldaten sowie andere Menschen im öffentlichen Dienst könne das gesellschaftliche Klima nachhaltig prägen. Als Beispiel nannte er Länder, in denen Angehörige der Streitkräfte, Feuerwehr, Polizei, etc. im Alltag sichtbare Wertschätzung erfahren, etwa durch kleine Vergünstigungen oder persönliche Gesten des Dankes. Solche Zeichen könnten dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Sicherheitsinstitutionen positiv zu verändern.

 

In der anschließenden Diskussion wurden die Impulse aufgegriffen und auf Deutschland übertragen. Dabei wurde deutlich, dass Gesamtverteidigung nicht nur als militärischer Begriff verstanden werden darf. Vielmehr geht es um die Frage, wie demokratische Gesellschaften politisch, gesellschaftlich, kommunikativ und institutionell widerstandsfähiger werden können.

 

Für unsere Hochschulgruppe war der Abend erneut ein großer Gewinn. Gerade für Studierende, die sich im universitären Alltag vor allem theoretisch mit internationaler Politik, Sicherheitspolitik und Diplomatie beschäftigen, bot die Veranstaltung einen wertvollen praktischen Zugang. Herr Eichhorn gelang es, aktuelle sicherheitspolitische Herausforderungen verständlich, erfahrungsnah und zugleich diskussionsorientiert zu vermitteln.

Wir danken Botschafter a.D. Christoph Eichhorn herzlich für den erneut spannenden Abend, seine Zeit und die offenen Einblicke in diplomatische und sicherheitspolitische Praxis. Die Veranstaltung hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen Studierenden und erfahrenen Praktikern der internationalen Politik ist.