Veranstaltungsbericht: Russische Geschichtspropaganda und der Angriffskrieg gegen die Ukraine

Der Vortrag bietet vertiefte Einblicke in zentrale russische Geschichtsnarrative, die Entwicklung russischer Museen, die Rolle der russischen Kirche sowie das Phänomen der sogenannten „Pink-Swastika“. Dr. Morozov zeigt, wie die aktuelle russische Propaganda auf dem Mythos des Sieges über NS-Deutschland, auf ausgeprägten antiwestlichen und vor allem antiamerikanischen Ressentiments sowie auf Queerfeindlichkeit und der Inszenierung Russlands als Hort „traditioneller Werte“ beruht. Diese Elemente entstanden schrittweise schon vor dem Krieg gegen die Ukraine im Jahr 2014, haben sich aber seit dem großflächigen Angriff von 2022 stark verstärkt. Heute bilden sie das ideologische Fundament eines hybriden Krieges, den Russland gegen die Europäische Union – und besonders gegen Deutschland – führt, unter anderem durch die Unterstützung populistischer Parteien und die gezielte Unterminierung demokratischer Institutionen.

 

Am 27. November 2025 begrüßten wir Dr. Oleg Morozov zu einem Vortrag zum Thema „Russische Geschichtspropaganda und der Angriffskrieg gegen die Ukraine“. Die Veranstaltung fand – wie unsere regulären Arbeitstreffen – im Großen Seminarraum (124) des Instituts für Politikwissenschaft statt und bot einen umfassenden Einblick in die symbolische, historische und ideologische Aufladung des russischen Krieges gegen die Ukraine.

Dr. Morozov eröffnete seinen Vortrag mit einer Analyse der zentralen Rolle, die die Siegesparade am 9. Mai im politischen Selbstverständnis Russlands spielt. Seit 1995 jährlich ausgerichtet, ist sie zum wichtigsten staatlichen Ritual der postsowjetischen Ära geworden. Der „Große Sieg“ über das nationalsozialistische Deutschland dient der staatlichen Selbstinszenierung als Gründungsmythos und bildet das Fundament einer neuen nationalen Ideologie. Die Erinnerung an den Sieg ersetze zunehmend die Erinnerung an den Krieg, wodurch Kriegsverbrechen und komplexe historische Zusammenhänge ausgeblendet würden. Dieses selektive Geschichtsbild legitimiere sowohl außenpolitische Ansprüche als auch die schrittweise Militarisierung der russischen Gesellschaft. Traditionen wie das Verkleiden von Autos oder Kinderwagen als Panzer verdeutlichen, wie tief diese Ideologie inzwischen in den Alltag eingesickert ist. Parallel dazu verschärfte der Staat spätestens seit 2010 seine Kontrolle über öffentliche Räume und politisierte die Siegesfeier stärker als je zuvor.

Ein Schwerpunkt der Veranstaltung war die wachsende antiwestliche Stimmung, die der Kreml aktiv schürt. Dr. Morozov zeigte auf, wie der Westen beschuldigt wird, die Geschichte umzuschreiben, Russland seinen Status als Sieger streitig zu machen und einen Informationskrieg zu führen. Diese Rhetorik greift Muster des Kalten Krieges auf und ist eng verbunden mit Verschwörungserzählungen, wonach der Westen Russland zerstören oder aus der internationalen Politik verdrängen wolle. Seit 2014 und insbesondere nach Beginn der Sanktionen erreichten diese Narrative neue Dimensionen: Begriffe aus Politik und Wissenschaft werden gezielt verzerrt und propagandistisch aufgeladen – etwa durch die Behauptung eines „Genozids an Russen“, die Vorstellung einer angeblichen „Auslöschung russischer Kultur“ oder den Vorwurf einer weit verbreiteten „Russophobie“. Russland inszeniert sich dabei systematisch als bedrohte Minderheit, was ein klares Dichotomie-Denken von „Wir“ und „den Anderen“ verstärkt.

Ein weiterer zentraler Punkt war die propagandistische Gleichsetzung westlicher Staaten und der Ukraine mit Faschismus und Nazismus. Dr. Morozov zeigte, wie russische Propaganda historische Begriffe instrumentalisiert, um den Angriffskrieg moralisch zu legitimieren. Russische Medien – von Russia Today und Sputnik bis hin zu riesigen Telegram-Netzwerken – verbreiten diese Botschaften weltweit. Telegram spielt dabei aufgrund seiner geringen Regulierung eine zentrale Rolle: Über 30 Sprachversionen sowie hunderte Millionen monatlicher Aufrufe erlauben eine enorme Reichweite. Besonders Deutschland ist ein bedeutendes Zielgebiet, mit mehr Telegram-Kanälen als Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Die Kanäle vernetzen sich gegenseitig und werden durch deutsche Unterstützer – etwa AfD-Politiker, Bloggerinnen und Vloggerinnen – zusätzlich verstärkt. Ergänzend betreibt Russland professionelle Trollfabriken, die rund um die Uhr Kommentare in westlichen Medien hinterlassen, um Diskussionen zu beeinflussen. Seit 2022 richtet sich zudem eine wachsende Zahl propagandistischer YouTube-Videos gezielt an ein deutsches Publikum und greift innenpolitische Debatten auf, etwa Energiekosten oder Kriegsfinanzierung.

Dr. Morozov erläuterte anschließend, wie der sogenannte „Kampf für traditionelle Werte“ als ideologischer Rahmen dient. Heteronormative Familienbilder, patriarchale Strukturen und die Ausgrenzung queerer Menschen werden als Abwehrkampf gegen angeblich „westliche Werte“ inszeniert. Der Krieg gegen die Ukraine wird damit nicht nur territorial, sondern als kulturell-zivilisatorischer Konflikt definiert. Russland knüpft dabei an Diskurse der internationalen Rechten an und übernimmt Konzepte wie den „Homofaschismus“, die ursprünglich aus homophoben, verschwörungsideologischen Milieus der USA stammen. Beispiele aus Wahlkampagnen und musealen Darstellungen zeigen, wie Symbole wie die EU-Flagge, Regenbogenflaggen oder deutsche Embleme visuell mit Bedrohung und Zerfall verknüpft werden.

Im anschließenden Diskussionsteil rückte die innenpolitische Lage Russlands in den Fokus. Die Gesellschaft gilt als stark atomisiert, Protestpotenzial ist gering, und die verschärfte Zensur macht unabhängige Meinungsforschung nahezu unmöglich. Wirtschaftliche Anreize – etwa hohe Auszahlungen für Freiwillige an der Front – tragen zur Stabilisierung des Systems bei. Ob die Elite selbst an die eigenen Narrative glaubt oder sie lediglich als Machtinstrument nutzt, bleibt unklar; Korruption und Eigeninteressen spielen jedoch eine erhebliche Rolle. Historische Traumata der Sowjetzeit – Revolution, Hungersnöte, Zweiter Weltkrieg – prägen die politische Kultur bis heute. Darüber hinaus wurden alltägliche rassistische Praktiken, imperialer Denkstil, mögliche Szenarien nach Putin sowie die begrenzte Effektivität bestimmter Sanktionen diskutiert.

Zum Abschluss empfahl Dr. Morozov das Buch Russia and the Western Far Right von Anton Shekhovtsov, das die gefährliche Kooperation zwischen russischen Akteuren und europäischen Rechtsaußenbewegungen analysiert. Er betonte zudem, dass Russland- und Propagandaanalyse in Deutschland häufig unzureichend institutionalisiert sei, während spezialisierte Einrichtungen wie das Tübinger Osteuropa-Institut deutlich tiefere Einblicke lieferten.