Sicherheitspolitische Betrachtung von Wirtschaftsspionage

Vom 29.07 bis 01.08.2013 fand in Berlin das 2. Seminar „Wirtschaft & Sicherheit“ des Bundesverbandes Sicherheitspolitik an Hochschulen (BSH) statt. Nachdem im letzten Jahr das Thema Rüstung im Mittelpunkt stand, konnten sich die Teilnehmer dieses Jahr über das Thema Wirtschaftsspionage informieren.

Sascha Bialas vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik stellt seine Behörde vor.

Insgesamt  26 sicherheitspolitisch interessierten Studentinnen und Studenten aus ganz Deutschland und darüber hinaus kamen nach Berlin, um im Tagungszentrum der Julius-Leber-Kaserne direkt und persönlich mit Referentinnen und Referenten aus Forschung und Praxis zusammenzukommen und Einblicke in den Themenbereich sowie generell in das ambivalente Verhältnis zwischen Wirtschaft und Sicherheit zu bekommen.

 

Nach der organisatorischen Einweisung des Seminarleiters Floyd Mecklenburg sowie einer Vorstellung des Verbands und des Fördervereins Sicherheitspolitik an Hochschulen durch Richard Goebelt stellte Marcus Mohr das Magazin für Außen- und Sicherheitspolitik ADLAS vor, welches den Teilnehmern als Möglichkeit erster Veröffentlichungen mit journalistischem Einschlag nähergebracht wurde. Der thematische Einstieg fand noch am selben Abend mit einem Vortrag des stellvertretenden Pressesprechers des Bundesnachrichtendienstes, Ralph Schlitt, statt. Dieser führte nicht nur in die Organisation und den Aufbau des BND ein, sondern erläuterte auch dessen Auftrag: nicht Strafverfolgung, sondern systematische Aufklärung und Erkenntnisgewinnung von Strukturen internationaler Proliferationsnetzwerke beispielsweise. Im Anschluss bot sich die Gelegenheit, dem Referenten Fragen zu stellen, die meist beantwortet wurden, aber – dies lernten die Teilnehmer gleich am ersten Abend – die ehemaligen wie aktiven Nachrichtendienstler Deutschlands dürfen nicht alle Fragen offen beantworten, da viele Informationen der Geheimhaltung unterliegen. Nach einer abschließenden Vorstellungsrunde ließen die Seminarteilnehmer den Abend in den Räumen des Unteroffiziersheims ausklingen.


Der Dienstag begann früh morgens mit einem Vortrag von Bernd Oliver Bühler, Gastdozent an der Wirtschaftskriegsschule der ESLSCA Business School in Paris. Neben der Tätigkeit der Schule sowie einer Einordnung der Relevanz des dort Vermittelten konnten die Teilnehmer mit einer interaktiven Case Study im Bereich der Marktanalyse, gemischt mit nachrichtendienstlichen Methoden der Aufklärung, Einblick in die praktische Lehre erhalten. Natürlich musste der Dozent sehr viele Fragen beantworten, da ein solches Angebot in Deutschland nicht existiert oder in absehbarer Zeit existieren wird.

 

Als nächstes hatte die Gruppe die Gelegenheit, einen Vertreter der US-Botschaft in Berlin begrüßen zu können. Colonel Matthew Mangan, Chef des Office for Defense Cooperation, hielt einen Vortrag über die deutsch-amerikanische Rüstungszusammenarbeit, bei der es neben vielen bürokratischen Hürden auch wirtschaftliche Aspekte zu beachten gilt. Neben der Struktur und den Aufgaben dieser institutionalisierten Zusammenarbeit erläuterte der Colonel die Chancen und Hindernisse für die Zukunft und lieferte so die Grundlage für eine angeregte Diskussion, die wie der Vortrag auf Englisch stattfand.

 

Nach dem gemeinsamen Mittagessen in der Truppenküche der Kaserne folgte Dr. Sascha Rafalzik mit einer Präsentation der Tätigkeiten der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Anhand zahlreicher Beispiele der Arbeiten der Juristischen Hochschule des MfS, an der keine juristische Ausbildung erfolgte, wurde den Teilnehmern die Reichweite der Wirtschaftsspionage der Reisekader der Stasi dargelegt. Dass dabei auch mit schwerstkriminelle Mitteln wie Giftmord zum Einsatz kamen, beförderte die Diskussion dieses Einblicks in das Thema des Seminars.

 

Gefolgt wurde der historische Vortrag von einem über die Moderne: Ein Vertreter des Referats Wirtschaftsspionage des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln erläuterte die Aufklärung der Wirtschaft in Deutschland durch die Geheimdienste anderer Staaten wie China oder Russland. Dabei wies er besonders auf die Gefährdung kleiner und mittelständischer Unternehmen hin, die oftmals ihre Absicherung in Form von personeller, materieller und IT-Sicherheit vernachlässigten. Außerdem erzählte er, dass manche Firmen die Zeitverzögerung zwischen Diebstahl und Re-Engineering in Kauf nähmen und sich damit der Aufwand einer umfassenden Absicherung sparten. Mit der Frage, ob man es schaffe, immer zwei bis drei Jahre voraus zu sein, leitete er in die Diskussion über, die sehr angeregt und über den Zeitrahmen hinaus geführt wurde.

 

Beim letzten Vortrag des Abends führte Justin Just, Referent beim Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie, in die Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft im Sicherheitsbereich ein. Der Austausch über Notwendigkeiten und Grenzen von politischer Beratung in diesem sensiblen Feld band die Teilnehmer in die aktuelle Debatte ein, die auch beim anschließenden Ausklang des Abends im Offizierkasino der Julius-Leber-Kaserne fortgeführt wurde.

 

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Cyber Security. Den Anfang machte dabei Stefan Schumacher, Direktor des Magdeburger Instituts für Sicherheitsforschung und langjähriger IT-Sicherheitsberater. Seine zwei Vorträge drehten sich um die Themen Würmer und Schadsoftware im Einsatz von und gegen Staat und Wirtschaft sowie Verschlüsselung von Daten im Zusammenhang von Ausspähung dieser durch unbefugte Dritte. Grade der aktuelle Bezug zur NSA-Affäre ließ die Teilnehmer viele Fragen zur nötigen Technik stellen, die mit Fallbeispielen eindrucksvoll und auch für Laien verständlich geklärt werden konnten. Die Erkenntnis, dass nichts im Cyberspace völlig sicher oder „unknackbar“ sei, beförderte die Frage, ob man deswegen auf alles Gute im Netz verzichten wolle und regte die Diskussionen darum an.

 

Desweiteren besuchte Sascha Bialas vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn das Seminar, um den Teilnehmern einen Einblick in die staatliche Abwehr von Bedrohungen aus dem Netz zu geben. Nach einer Vorstellung der Struktur und den Aufgaben seiner Behörde folgte eine Präsentation über die technischen Hintergründe der Standortüberwachung von mobilen Endgeräten. Wie Funkzellen ausgelesen und damit der Aufenthaltsort von Personen bestimmt werden können, vermittelte den Seminarteilnehmern weiteres Wissen in der aktuellen Debatte über Überwachung seitens staatlicher und/oder privater bzw. wirtschaftlicher Akteure.

 

Den Abschluss machte an diesem Tag ein Vortrag von Caroline Krohn, Corporate Communication Managerin bei der Unternehmensberatung NetFederation in Berlin. Sie gab einen Einblick in das Thema Social Engineering und Cyber Security. Dabei erläuterte sie, wie Firmen oder Behörden anhand der offenen Daten über eine Person im Netz Persönlichkeitsmuster über diese anlegen können. Dies machte sie mit einer Case Study deutlich, bei der sie ein solches Profil mithilfe ihrer frei im Internet verfügbaren Daten erstellte. Die Möglichkeiten des Auslesens einer Person auf diese Art und Weise befeuerte die Diskussion der Teilnehmer über das Problem des „gläsernen Benutzers“ und genereller Überwachung, die auch noch Thema beim Ausklang des Seminartages in der Berliner Innenstadt war.

 

Am Donnerstag stand als erster Programmpunkt ein Workshop von Stefan Schumacher auf dem Programm, bei dem den Seminarteilnehmern verschiedene Arten der Cryptographie verständlich nahegebracht wurden. Welche Berechnungen Computer anstellen und wie man eine relative Sicherheit für seine privaten Daten im Netz herstellen kann, interessierte die Teilnehmer nach den Vorträgen am Vortag natürlich besonders, sodass hier nochmal alle mitarbeiteten, bevor das Seminar Wirtschaft & Sicherheit 2013 nach einem organisatorischen Abschluss und dem Mittagessen beendet wurde.