Vom 11. bis 20. Juni 2025 hatte ich die Möglichkeit, als zivile Beobachterin an der multinationalen Übung JOINT COOPERATION 2025 in Nienburg teilzunehmen. Vor Ort waren etwa 330 Teilnehmende aus 25 Nationen – Soldatinnen, Soldaten sowie zivile Fachkräfte. Gegenstand der Übung war die Civil-Military Cooperation (CIMIC), also die zivil-militärische Zusammenarbeit.
Während ZMZ sich auf den deutschen Ansatz im Inland bezieht, meint CIMIC konkret das framework der NATO. Danach erfüllt CIMIC eine fachübergreifende Funktion in der Entwicklung eines Verständnisses ziviler Faktoren auf die Operation, und durch Interaktion mit relevanten zivilen Akteuren das Erreichen der operativen Ziele zu unterstützen. Das Konzept CIMIC wird vor allem mit der KFOR im Kosovo und der ISAF Mission in Afghanistan in Verbindung gebracht. Dabei ist es inzwischen in jeder Mission integraler Bestandteil unter dem comprehensive approach der NATO.
Ich bin im Rahmen meines Masterstudiengangs auf CIMIC aufmerksam geworden – bislang jedoch rein theoretisch. Die Teilnahme an der Übung war für mich die erste direkte Berührung mit der militärischen Praxis, was zu Beginn durchaus mit Nervosität verbunden war. Zum Glück waren wir zu zweit und die praktische Erfahrung meines Kollegen konnte mein theoretisches Wissen perfekt ergänzen. Wir waren mit den Teilnehmern der Übung in der Clausewitz Kaserne untergebracht.
Das Übungsszenario war fiktiv, aber hochaktuell: Es orientierte sich an der sicherheitspolitisch sensiblen Suwalki-Lücke - die rund 60 km lange Grenze zwischen Polen und Litauen, flankiert von der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus – einer potenziellen Schwachstelle an der NATO-Ostflanke. Im Szenario führten Streitkräfte eines fiktiven Militärbündnisses, angelehnt an Russland und Belarus, militärische Übungen in Grenznähe durch. Infolgedessen baten Polen und Litauen um Verstärkung durch NATO-Truppen. Eine multinationale Division (CERBERUS) wurde zur Abschreckung verlegt, darunter CIMIC-Kräfte mit dem Auftrag, ein ziviles und strategisches Lagebild zu erstellen, um nachfolgende Truppen zu unterstützen. Dafür wurden multinationale Tactical CIMIC Teams (TCTs) eingesetzt, die über Host Nation Teams (HNTs) der litauischen und polnischen Truppen Kontakt zu Akteuren der kritischen Infrastruktur aufnahmen. Die Übung diente der Erprobung und Schulung dieser Abläufe sowie dem Training im Umgang mit entsprechender Battle Management Software.
Als Civil Observers waren wir praktisch Luft für die Teilnehmenden der Übung und haben die gespielten Gesprächssituationen aus dem Hintergrund beobachtet, uns angesehen wo die Daten, die die TCTs sammeln zusammenlaufen und ausgewertet werden, und wie das Lagebild entsteht. Außerhalb der aktiven Übung hatten wir allerdings viele Möglichkeiten uns mit den Soldaten zu unterhalten und über unsere Eindrücke auszutauschen. Ob beim Essen in der Truppenküche oder Abends im Casino ergaben sich spannende Austausche – über die Übung, aber auch über die aktuelle politische Situation, und darüber was es bedeutet Soldatin oder Soldat zu sein. Wir bekamen auch einen kleinen Einblick in die Prozesse im Hintergrund. Es war sehr interessant zu sehen, wie eine solche Übung geplant und aufgebaut ist.
Meine key take-aways sind vor allem, wie wichtig die adäquate Ausbildung der Soldaten mit CIMIC-Verwendung ist. Das Verhalten im multinationalen Team, sowie der Umgang mit Zivilisten in verschiedenen Situationen will gelernt sein. Außerdem sind ein durchdachter Informationsfluss und die Fähigkeit im Feld mit den Informationssystemen umgehen zu können unerlässlich.
Für mich persönlich war die Teilnahme an der JOCO auf mehreren Ebenen bereichernd. Es war spannend zu sehen wie die Theorie, die ich aus meinem Studium kannte in der Praxis angewandt wird. Die Übung hat mir tiefere Einblicke in die Prozesse einer CIMIC-Mission gegeben, als jede Literatur-Recherche es je könnte, was sich für meine Masterarbeit sicher rentieren wird. Gleichzeitig konnte ich ein bisschen Kasernenluft schnuppern und konnte ein besseres Gefühl für den Soldatenberuf entwickeln. Ich bin beindruckt von der multinationalen Zusammenarbeit – im professionellen Sinn, aber auch auf ganz persönlicher Ebene.
