Die 55. Sicherheitspolitische Grundakademie stand dieses Mal unter einem Themenschwerpunkt, der zwar in den Köpfen vieler außen- und sicherheitspolitisch Interessierter präsent ist, über den man aber bei einem gemütlichen Bier am HSG-Stammtisch doch viel zu selten spricht: der Globale Süden, nicht-konventionelle Bedrohungen und Friedensmissionen.
Unter diesem Vorzeichen fand vom 17. bis zum 20. Mai 2026 die 55. SGA in Berlin statt. Schon bei der theoretischen Einführung mit Prof. Dr. Sophia Hoffmann der Uni Erfurt wurde deutlich: Der Fokus war gesetzt. Was ist Sicherheit eigentlich? Welche Bereiche umfasst sie? Warum treffen Krisen, Konflikte und globale Entwicklungen verschiedene Regionen der Welt so unterschiedlich? Und vor allem: Was kann man tun, damit es besser wird? Fragen wie diese sollten uns durch die gesamte Woche begleiten. Mit vielen spannenden Gesprächen, ersten Diskussionen und großer Vorfreude endete der erste Tag der Akademie, nur damit es wenige Stunden später direkt mit unserem Besuch im Bundesministerium der Verteidigung und dem Thema Friedensmissionen in Afrika weiterging.
Anschließend folgte für viele bereits ein kleines Highlight der Akademie: unser Besuch in der ägyptischen Botschaft. Schon von außen machte das Gebäude mit seinem Stil des alten Ägyptens einiges her, nur wenige Meter vom BMVg entfernt. Doch auch innen wurden wir nicht enttäuscht und mit großer Herzlichkeit empfangen. Das Gespräch mit Botschafter Dr. Mohamed Abd El-Sattar Elbadri verdeutlichte einmal mehr: Die Welt ist in Bewegung, und Deutschland sowie die Europäische Union brauchen verlässliche Partner, die bereit sind, miteinander zu kooperieren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass existenzielle Bedrohungen nicht an Kontinentgrenzen haltmachen. Auch wenn wir auf unterschiedlichen Erdteilen leben, betreffen uns viele Herausforderungen gemeinsam. Und irgendwie, so lernten wir, lässt sich am Ende doch erstaunlich viel auf den zweiten Peloponnesischen Krieg zurückführen.
Danach richteten wir den Blick wieder stärker nach Deutschland. Mit Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung sprachen wir über Extremismus im 21. Jahrhundert: von Islamismus auf TikTok über Reichsbürger rund um Prinz Reuß und den sogenannten König von Deutschland bis hin zu Incels und ihren Vorstellungen von Red und Blue Pills. Wer danach noch nicht genug geistige Knoten im Kopf hatte, bekam mit Nina Locher von der DGAP einen weiteren anspruchsvollen, aber hervorragend aufbereiteten Vortrag zur Cybersicherheit und ihrer Bedeutung für die internationalen Beziehungen. So gingen wir Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler mit deutlich mehr Wissen über digitale Verwundbarkeiten, Resilienz und die sicherheitspolitische Dimension des Cyberraums in die wohlverdiente Abendpause.
Doch lange ruhig blieb es nicht: Am Abend führte uns Adelphi in einem hochaktuellen und aufschlussreichen Vortrag in einen Themenbereich ein, der angesichts des aktuellen Weltgeschehens leider oft zu wenig Aufmerksamkeit erhält: Klimawandel als Konflikttreiber. Es ging um internationale Klimaziele, klimabedingte Binnenvertreibung und die Frage, warum Wasser in manchen Regionen künftig weniger Lebensmittel als Machtmittel sein könnte. Spätestens hier wurde uns noch einmal vor Augen geführt, warum Formate wie die SGA so wichtig sind. Wir als junge Erwachsene und Young Professionals leben in einer Zeit, in der es entscheidend ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Konflikte operieren heute auf vielen Ebenen, sind miteinander vernetzt, und die Entscheidungen von heute sind die Konsequenzen von morgen.
Der Dienstagmorgen begann mit zwei spannenden Vorträgen im Auswärtigen Amt zu Subsahara-Afrika, Lateinamerika, Deutschlands zukünftiger Zusammenarbeit und historischer Verantwortung. Dabei ging es nicht nur um politische Herausforderungen und gemeinsame Interessen, sondern auch darum, auf welchen Grundlagen künftige Partnerschaften entstehen können. Und während wir erfuhren, wie Kokain nach Deutschland gelangt und was das für den Hamburger Hafen bedeutet, bekamen wir nebenbei auch den einen oder anderen Hinweis, wie man selbst den Weg auf das diplomatische Parkett finden kann.
Danach mussten wir zügig weiter, denn in der Geschäftsstelle des Reservistenverbands wartete ein dichtes Programm auf uns. Dr. Alexander K. Bollfrass vom International Institute for Strategic Studies sprach über Deterrence in Europe, strategische Vorausschau, technologische Entwicklungen, Rüstungskontrolle und die Frage, wie Abschreckung in Europa heute gedacht werden muss. Anschließend diskutierten wir mit Amnesty International über Rohstoffreichtum, Ungleichheit und globale Machtstrukturen im Kongo. Dabei wurde deutlich, wie sehr Lieferketten, wirtschaftliche Interessen und Menschenrechtsfragen miteinander verwoben sind und wie oft unser eigener Wohlstand mit Konflikten an anderen Orten der Welt zusammenhängt.
Nach einer Stärkung ging es weiter zum Zentrum für Internationale Friedenseinsätze. Dort erfuhren wir, wie ziviles Krisenmanagement funktioniert, welche Rolle Deutschland in internationalen Friedenseinsätzen spielt und wie auch wir eines Tages Teil solcher Missionen werden könnten. Abgerundet wurde der Abend mit einem Gespräch bei bestem Berliner Wetter mit Oleksii Leznov vom Eastern Europe Youth Empowerment Space. Seine Einblicke in russische Desinformation in Deutschland und der Ukraine sowie seine praktischen Hinweise, wie man Trollen und Desinformationskampagnen begegnen kann, machten den Abend nicht nur spannend, sondern auch erstaunlich handfest.
Der Mittwoch war dann auch schon unser letzter Tag und traditionell führte er uns an die Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Nach einer ausführlichen Einführung und Diskussion zur Nationalen Sicherheitsstrategie, integrierter Sicherheit und der Frage, was Deutschland im Bereich Gesamtverteidigung eigentlich gerade alles unternimmt, wechselten wir von der großen sicherheitspolitischen Makroebene zur vielleicht kleinstmöglichen Mikroebene: Biosicherheit. Viren, Bakterien, Hochsicherheitslabore und die Frage, welche Risiken daraus für die internationale und nationale Sicherheit entstehen können, bildeten einen eindrucksvollen Abschluss.
Und damit endete die 55. SGA: vier intensive Tage, viele neue Perspektiven, volle Notizbücher und die Erkenntnis, dass Sicherheitspolitik heute viel mehr ist als Panzer, Bündnisse und Grenzen. Sie ist global, vernetzt, manchmal abstrakt, oft sehr konkret — und immer näher an unserem Alltag, als man zunächst denkt.


