Richter verdeutlichte anhand mehrerer Fallbeispiele, wie in Deutschland immense finanzielle, organisatorische, bürokratische und personelle Ressourcen in die Hand nimmt, um bestimmte Abschiebquoten und Statistiken zu erreichen, dabei aber häufig menschenrechtliche und politische Anliegen untergehen. Zitat: „Ich bin nicht generell gegen Abschiebungen, aber wir schieben die Falschen ab. Die die seit Jahren hier leben, arbeiten und integriert sind. Warum? Weil das die sind, die zu Hause sind, einfach zu finden sind.“ (Frank Richter, 09.06.2026)
Ein Fall betraf einen christlichen pakistanischen Staatsangehörigen, der in Pakistan als Journalist verfolgt wurde, und nun schon über 15 Jahre in Deutschland gelebt und in der Gastro gearbeitet hatte und durch die Ehe mit einer deutschen Staatsbürgerin über ein Duldungsrecht verfügte. Nach dem sein Duldungsrecht abgelaufen war, ging er mit seiner Frau zur Ausländerbehörde, um dieses erneuern zu lassen – sowie viele Male zuvor. Zur Duldungsverlängerung wäre sein Pass nötig gewesen, welchen er nicht vorweisen konnte, weil er den bei der pakistanischen Botschaft hätte beantragen müssen. Als christlicher geflohener Pakistani in Deutschland gibt es selbstverständlich wenig, was einen dazu veranlassen kann, in die Botschaft des Landes zu gehen in dem politisch und religiös verfolgt wurde. Frank Richter berichtete, dass die Angst, dass der Familie in Pakistan etwas zustoßen könnte, wenn er sich auf der Botschaft meldet, zu groß war, um seiner „Mitwirkungspflicht“ nachzukommen. Als er schließlich ohne Pass, mit seiner Frau die Behörde betrat, wurde er ohne Vorwarnung festgenommen und ins Abschiebegefängnis nach Dresden geschafft. Fälle die immer wieder genauso ablaufen wie Frank Richter schilderte. Zu den Abschiebegefängnissen sagt er: „Die Abschiebehaft, ist Freiheitsentzug, ohne dass eine Straftat begangen wurde“. Da Abschiebungen im Voraus geplant werden müssen, werden Menschen die abgeschoben werden sollen, häufig schon vorher festgenommen und ins Abschiebegefängnis gebracht, um am Tag der Abschiebung auch genügen „Abzuschiebende“ zu haben, um ein Flugzeug voll zukriegen. In der Folge, werde Menschen, Familien, Kinder (i.d.R. Eltern und Kinder getrennt voneinander) inhaftiert, ohne eine Information, wann die Abschiebung erfolgt. Handys und Wertsachen, werden bei der Inhaftierung abgenommen. Die Suizidalität im Dresdner Abschiebegefängnis, berichtet Frank Richter, ist sehr hoch.
Ein weiteres Beispiel betraf einen zum Christentum konvertierten Pakistaner. Der Betroffene war ordinierter Pastor der Church of Pakistan und erhielt in der Folge eine Fatwa – faktisch ein Todesurteil. Richter schilderte die Schwierigkeiten, die sich in Asylverfahren ergeben können, wenn Behörden die Glaubwürdigkeit religiöser Überzeugungen bewerten müssen. Im Fall des Pakistanis wurde gegen ein Duldungsrecht entschieden, dass er seine religiöse Verfolgung nicht glaubhaft machen könne. Obwohl er seine Ordinierungsurkunde und sein Taufzeugnis vorweisen konnte, glaubte man ihm nicht, denn, Zitat, „er kennt Marthin Luther nicht“. In dem Kontext, erklärte Frank Richter, dass er auf Asylbehörden häufig eine große Willkür erlebt, in der sich aufgrund von Überlastung eine „Abschiebungspraxis nach Aktenlage“ etabliert hat, bei dem das persönliche Schicksal und der Grund des Asylantrags zweitrangig geworden ist.
Ein weiterer Schwerpunkt war das Kirchenasyl. Richter erläuterte, dass Kirchenasyl rechtlich nicht ausdrücklich geregelt sei, sich aber als etablierte Praxis entwickelt habe. Sobald sich eine Person im Kirchenasyl befindet, übernehmen Kirchengemeinden eine besondere Verantwortung für den Betroffenen, sprcih sie kümmern sich faktisch um alles. Solange eine Person sich in den Räumlichkeiten der Kirche oder Gemeinde befindet, darf und kann sie nicht abgeschoben werden. In der Zeit, müssen die Fälle dann erneut entschieden werden. Nach Richters Angaben würden viele Fälle innerhalb weniger Monate bearbeitet; die Erfolgsquote sei dabei sehr hoch. Als Gründe nannte er insbesondere Fälle, in denen behördliche Entscheidungen möglicherweise unzureichend geprüft wurden oder humanitäre Aspekte stärker berücksichtigt werden mussten.
Darüber hinaus wurden strukturelle Probleme der Verwaltung diskutiert. Richter sprach von einer erheblichen Arbeitsbelastung der Behörden, die immense Anzahl an Polizisten, die für Abschiebeflüge gebraucht werden und die Kosten, die eine einzelne Abschiebung verursacht. Hierzu liest er aus einem Zeitungsartikel der ZEIT vor, die über die Abschiebung eines Mannes aus Niger schreibt: die Abschiebung eines einziges nigerianischen Staatsbürger kostet in diesem Fall 120.000 €. Gleichzeitig wurde die Frage aufgeworfen, ob politische Debatten über Abschiebungen häufig an praktischen Problemen vorbeigingen. So seien fehlende Reisedokumente, mangelnde Kooperation von Herkunftsstaaten oder langwierige Verwaltungsverfahren oft die eigentlichen Hindernisse bei Abschiebungen.
Außerdem nennt er Beispiele von Abschiebungen, die er betreut hat, die nach Jahren in Deutschland nachts abgeschoben wurden, ohne vorher einen Abschiebebescheid bekommen zu haben. Beispiel einer georgischen Familie: „Den Kindern wurden alle Sparbüchsen und Wertsachen weggenommen. Die Polizei hat sich in der ganzen Wohnung verteilt, und die Handys aller Familienmitglieder eingesammelt. Der Vater hat sich in seiner Verzweiflung im Bad eingesperrt und selbstverletzt, so dass er nicht abgeschoben werden konnte. Die Konsequenz war, dass die Mutter, allein mit den drei Töchtern, 24h später, ohne Handy und Geld am Flughafen in Tiflis stand.“
Die Veranstaltung zeigte insgesamt, dass das politische Dogma mehr Migrant*innen abzuschieben, häufig Menschen und Familien trifft, die schon lange in Deutschland leben, und dann ohne jemals eine Straftat begangen zu haben, eingesperrt und/oder abgeschoben werden -häufig unter unmenschlichen und rechtswidrigen Bedingungen. Gleichzeitig wird ein enormer finanzieller und personeller Aufwand in Kauf genommen, der, so Frank Richter, in Sprach – und Integrationskursen deutlich besser investiert wäre.
Wir danken Frank Richter für die Zeit und den beeindruckenden Vortrag und Erfahrungsbericht.




