"Wer den Begriff des Extremismus offen verteidigt, sticht in ein Wespennest"

Auftakt zu unserer Vortragsreihe „Extremismus & Terrorismus“: Am letzten Freitag referierte Prof. Eckhard Jesse zum Thema „Extremismusforschung - Was ist das?" bei uns in Münster.

Einleitung durch Sophie Hölscher und Hans Kröger ©Asium

Prof. Eckhard Jesse ©Asium

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Zu Beginn unserer Vortragsreihe zum Thema “Extremismus & Terrorismus” wendeten wir uns der nicht unumstrittenen Definition von Extremismus und der wissenschaftlichen Forschung zu diesem vielschichtigen Phänomenbereich zu.

Zu diesem Zweck begrüßten wir Prof. Eckhard Jesse von der TU Chemnitz bei uns in Münster. Er gehört zu den führenden Extremismusforschern in Deutschland und setzt sich neben dem Thema Extremismus auch mit dem Totalitarismusbegriff und dem politischen System der Bundesrepublik auseinander.

 

In seinem Vortrag am letzten Freitag stellte Prof. Jesse das Phänomen des Extremismus zunächst dem modernen Verfassungsstaat (mit Volkssouveränität, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz) gegenüber und stufte ihn als “zentrale Bedrohung” dessen ein. Laut ihm müsse die Demokratie in der Lage sein, sich “gegen die, die sie gefährden, zu verteidigen”, was die Extremismusforschung für den Schutz der Bundesrepublik und ihrer Verfassung unabdingbar mache.

 

Um Phänomene als extremistisch einzuordnen definierte Jesse daraufhin bestimmte Maßstäbe, darunter die Akzeptanz des Pluralismus, der Gewaltenteilung und der Menschenrechte. Dabei lege er Wert auf gleiche Standards und Bewertungskriterien für Links- und Rechtsextremismus. Er machte klar, dass trotz dieser Maßstäbe die genaue Einordnung eines Phänomens, sowie die Grenzziehung zwischen demokratischer Mitte und extremistischen Rändern im Einzelfall schwierig sind und es eine Vielzahl von Grauzonen gibt. So könne man “Extremismus” nicht steigern, sondern nur in verschiedene Intensitäten unterteilen, die er mit “weichem” oder “hartem” Extremismus benannte.

Im Zuge dessen definierte er verschiedene Merkmale des politischen Extremismus in Deutschland. Hierunter führte er für den Linksextremismus z.B. Antikapitalismus, Anarchismus und Antifaschismus und für den Rechtsextremismus z.B. Antisemitismus und Rassismus an. Diese Merkmale träfen aber nicht für alle Gruppierungen gleich zu.

Zudem merkte er an, dass das “Anti” in extremistischen Ideologien deutlich ausgeprägter sei, als das “Pro”. So sei das Aufbauen von Feindbildern und die damit verbundene Einteilung in “Freund und Feind” bzw. “Gut und Böse” eines der Kernmerkmale des Extremismus. Hierzu benutzen laut Jesse verschiedene extremistische Gruppierungen Verschwörungstheorien, die sich gegen die USA, religiöse Minderheiten oder Wirtschaftsakteure richten.

 

Dabei seien der linke und rechte Phänomenbereich in Deutschland auch teilweise von Gemeinsamkeiten (Bsp. Anti-Amerikanismus und Antisemitismus) und örtlichen und ideologischen Wechselwirkungen geprägt. Wo der linke Extremismus moderater ist, sei der rechte meist radikaler und andersherum, so Jesse.

Im letzten Teil seines Vortrags setzte sich Jesse mit der Kritik an der Extremismustheorie auseinander. Dabei wurde die Umstrittenheit der Thematik klar: “Wer den Begriff des Extremismus offen verteidigt, sticht in ein Wespennest.” So löse nicht nur die Einordnung von Gruppierungen massive Streitigkeiten aus, schon der Begriff “Extremismus” als Pendant zum demokratischen Verfassungsstaat sei nicht unumstritten.

 

Die Veranstaltung mündete in eine angeregte Diskussionsrunde.

Hierin warfen vor allem die aktuelle Parteienlandschaft Deutschlands und die Einordnung einzelner Parteien Fragen auf. Hierzu Jesse: “Für mich ist die Linke im Westen eine extremistische Partei, im Osten sehe ich das nicht so.” Demgegenüber ordnete er die AfD im Osten als radikaler als im Westen ein.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Prof. Jesse und der Zuhörerschaft und freuen uns auf die kommenden Vorträge und angeregte Diskussionen. Der Vortrag von Prof. Jesse bildete die Einführung in die Vortragsreihe „Extremismus & Terrorismus“, die wir in Kooperation mit der “Gesellschaft für Terrorismusforschung und Politischen Bildung e.V.” (GTPB) organisieren und durchführen. Die kommenden Veranstaltungen setzen sich mit dem Übergang von Extremismus zu Terrorismus, sowie den Phänomenbereichen Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus auseinander.

 

Die bei allen Veranstaltungen geäußerten Meinungen und Standpunkte der Referenten spiegeln nicht zwingend die Auffassungen der Veranstalter wieder.